Irak: Miserables Leben unter Sanktionen

Chaldäischer Bischof von Basra, Gabriel Kassab, auf Besuch in Wien – Golfkrieg dauert praktisch bis heute – Dramatische Lage in Schulen und Spitälern.

Wien, 29. Jänner 2003 (epd Ö) Das leidvolle Leben des irakischen Volkes unter den Belastungen des UNO-Embargos hat der chaldäisch-katholische Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, Montag Abend in Wien geschildert. Sanktionen stellten eine ausgeklügelte Methode dar, „um Menschen langsam zum Tode zu führen“, klagte der Kirchenführer, der auch am ökumenischen Empfang am Montagnachmittag teilgenommen hatte. Für die Iraker sei der zweite Golfkrieg noch nicht zu Ende: „Durch die Sanktionen leiden wir schon zwölf Jahre daran.“

In seinem Vortrag im Rahmen eines Symposiums zum Thema „Situation der Christen im Irak“, veranstaltet von der Stiftung „Pro Oriente“, berichtete der Erzbischof vor allem über die bedrohte Existenz von Kindern und Jugendlichen sowie über die Misere in Schulen und Krankenhäusern. „Wegen des Embargos ist das Leben zum Stillstand gekommen.“ Körperliche und geistige Behinderung von Kindern sei eine Folge davon, Krankheiten und Epidemien stiegen rapide an.

Der durch das Embargo bedingte Medikamentenmangel hat laut Kassab fatale Folgen. Medizinische Hilfeleistung werde immer schwieriger, Operationen würden ohne Anästhesie durchgeführt. Die Ärzte seien mit Krankheiten konfrontiert, die sie nicht kennen, geschweige denn die dafür nötigen Heilmethoden. Der Mangel an Blutkonserven bedinge viele Todesfälle. Zum Vergleich: Blutkonserven kosten 35 US-Dollar, was vier Monatsgehältern eines Angestellten entspricht.

Langzeitfolgen des Golfkrieges

„Miserabel“ ist nach den Worten des Erzbischofs auch die Lage in den Schulen. Dort dienten Kisten als Pulte und Sitze. Viele Kinder gingen arbeiten, um zum Unterhalt ihrer Familien beizutragen. In großem Umfang werde psychologische Hilfe benötigt. Viele Menschen litten an Stress und Albträumen wegen des drohenden Krieges und der tristen Arbeitsmarktlage. Schwangere Frauen erlebten oft Fehlgeburten, für Kassab „ohne Zweifel eine Folge der im Golfkrieg eingesetzten chemischen Waffen“.

Erzbischof Kassab, der sich als „Diener der Bevölkerung von Basra, unabhängig von ihren Religionen“ sieht, berichtete auch über die sozialen Projekte, welche die chaldäische Gemeinde in Basra durchführt. So wurden in der südirakischen Küstenstadt drei Kindergärten für Kinder aller Konfessionen und Bevölkerungsschichten gebaut, Schüler werden eingekleidet, Jugendliche erhalten Gratis-Computerkurse, Studenten wird der Transport zur Hochschule bezahlt. Ferner errichtete die Kirche ein Waisenhaus, ein Altersheim – darin leben ausschließlich Moslems – und eine Gratis-Apotheke – die zu 70 Prozent von Moslems genützt wird. Angesichts des Krieges, den die USA gegen den Irak führen wollen, hatte der Kirchenführer im November 2002 einen dringlichen Appell an die Staatengemeinschaft gerichtet, das UNO-Embargo aufzuheben.

ISSN 2222-2464