Internationale Gesprächsrunde fordert fröhlichere Kirche

Im Gespäch über die Zukunft der Kirche (v.l.): der Zürcher Kirchenratsschreiber Walter Lüssi, Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell, Moderatorin Julia Schnizlein-Riedler, Superintendentialkuratorin Petra Mandl und Rüdiger Noll von den Deutschen Evangelischen Akademien. Foto: M. Schomaker
Im Gespäch über die Zukunft der Kirche (v.l.): der Zürcher Kirchenratsschreiber Walter Lüssi, Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell, Moderatorin Julia Schnizlein-Riedler, Superintendentialkuratorin Petra Mandl und Rüdiger Noll von den Deutschen Evangelischen Akademien. Foto: M. Schomaker

Diskussion über Kirchenreform an der Evangelischen Akademie

Wien (epdÖ) – „Wir müssen als Kirche viel fröhlicher werden! Wir müssen fröhlich als Christen sagen können, wie wir von der Gnade Gottes getragen werden. Im Gottesdienst hat man oft den Eindruck, Christus ist gerade neu gekreuzigt worden.“ Dem Plädoyer des deutschen Pfarrers Rüdiger Noll für eine humorvollere und selbstbewusstere Kirche schlossen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Diskussion am Montag, 3. Dezember, an der Wiener Evangelischen Akademie an. Im Gespräch über die Reformbedürftigkeit der Evangelischen Kirchen in Österreich, Deutschland und der Schweiz herrschte jedoch Uneinigkeit darüber, ob eine kirchliche Reformbewegung von oben – Kirchenleitung – nach unten – Gemeinden – initiiert oder vielmehr in die andere Richtung in Gang gesetzt werden müsse. „Was wir gelernt haben ist, dass Reformideen nur gelingen können, wenn sie Bottom-Up passieren und aus den Gemeinden kommen“, betonte die österreichische Oberkirchenrätin für Kirchenentwicklung, Gerhild Herrgesell. Auch die Wiener Superintendentialkuratorin Petra Mandl forderte, zunächst zu fragen: „Was bewegt die Menschen in der Gemeinde?“, während Walter Lüssi, Mitglied der Kirchenleitung im Schweizer Kanton Zürich entgegenhielt, Wachstum „von unten“ könne nur dort passieren, wo es „von oben“ ermöglicht werde.

Noll: Kein Rückzug der Religion, aber Distanzierung von Kirche als Institution

„Eine Umfrage in Deutschland hat ergeben: 57 Prozent der jungen Menschen sagen, dass die Kirchen keine Antworten auf ihre Fragen hätten“, skizzierte Noll, Bereichsleiter für Europa- und Ökumenefragen der Deutschen Evangelischen Akademien in Berlin, ein zentrales Problem kirchlicher Gegenwart. Der von vielen Soziologen angekündigte Rückzug der Religion aus dem öffentlichen Raum hätte so nicht stattgefunden, unterstrich Noll, „aber wenn Sie Säkularisierung verstehen als Distanzierung von Kirche als Institution, ja, dann gibt es eine Säkularisierung“. Dennoch sollte der Reformprozess nicht unter dem Paradigma der Säkularisierung, sondern vielmehr unter dem der Differenzierung der Religionen diskutiert werden. Es werde nicht gelingen, das kirchliche „Kerngeschäft“ zu bewahren und öffentlich relevant zu bleiben, wenn man sich nur als moralische Instanz begreife. Das sei unter anderem in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 nicht gut angekommen. Generell erhofft sich Noll eine Verschiebung innerhalb der Kirche weg von einer Konzentration auf Pfarrer und Bischöfe hin zu einem erstarkenden „Priestertum aller Gläubigen“: „Wir bewegen uns viel mehr in Bestandswahrungsprozessen als in Experimentierfeldern.“

Herrgesell: In vielen Gemeinden herrscht noch Geheimprotestantismus

„Wir müssen anfangen, mit Außenstehenden zu sprechen. Wir reden immer im Kirchendeutsch und glauben ‚Ein feste Burg‘ versteht jeder, aber die meisten verstehen es nicht“, kritisierte Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell festgefahrene kirchliche Kommunikationsmuster. Eine Gemeinde, die nicht mehr kommuniziere, erwecke den Eindruck, dass bei ihr nichts mehr passiere oder ohnehin kein Interesse von außen erwartet werde: „Wenn man auf manche Homepages der Pfarrgemeinden schaut, dann sieht man da leider oft immer noch die Ankündigung des Ostergottesdiensts von 2017 oder gar die Kontaktdaten mittlerweile Verstorbener.“ Dabei, so zeigte sich Herrgesell überzeugt, werde sich die Zukunft der Evangelischen Kirchen in den Gemeinden entscheiden: „Momentan herrscht hier noch eine Situation des Geheimprotestantismus. Es passiert viel Tolles in den Gemeinden, aber reden wollen wir nicht darüber.“

Lüssi: Darf nicht um Institutionserhalt gehen

Der Schweizer Pfarrer Walter Lüssi warnte davor, die kirchliche Institution nur um ihrer selbst willen erhalten zu wollen: „Es darf nicht um Institutionserhalt, sondern es muss um einen Auftrag gehen. Friedrich Schleiermacher hat den Begriff der Volkskirche geprägt: Wir haben den Anspruch, Kirche für alle zu sein“, sagte der Kirchenratsschreiber und kirchliche „Chefbeamte“ des Kantons Zürich. Die reformierte Kirche des Kantons habe heute noch 450.000 Mitglieder, jährlich gingen 5000 davon verloren. In der Stadt Zürich hat sich die Mitgliederzahl seit 1980 sogar auf 90.000 halbiert. „Ich wurde in dieser Zeit zum Pragmatiker. Wenn ich heute in einen Gottesdienst gehe, möchte ich den Pfarrer oder die Pfarrerin jedes Mal fragen: Was meinst du eigentlich mit dem, was du sagst?“ Das Programm, auf Jugendarbeit zu setzen, sei gescheitert, was es heute brauche sei ein Eingehen auf die Lebenswelten der Menschen, insbesondere auf veränderte Familienmodelle und beruflich bedingte Mobilität, durch die der Wohnort hauptsächlich zum Schlafort werde: „Die Welt funktioniert anders als früher. Von zehn gesellschaftlichen Milieus erreichen wir heute nur noch zweieinhalb“.

Mandl: Unsere Gemeinden sind noch geschlossene Gärten

„Mein Ziel ist es, dass Menschen, die sich mit der Evangelischen Kirche identifizieren, das auch nach außen tragen. Wie können wir als Kirche ausstrahlen und mehr Menschen anziehen?“, fragte die neue Wiener Superintendentialkuratorin Petra Mandl. „Unsere Gemeinden sind gewissermaßen geschlossene Gärten. Innen blüht es, aber wie schaffe ich es, das nach außen zu erkennen zu geben?“ Mandl ist auch Initiatorin des Zukunftsprojekts „Wir sind Wien“, bei dem bis 2022 rund 300.000 Euro – der Erlös aus dem Verkauf einer Kirche – in die Erneuerung und Entwicklung der Superintendenz fließen sollen. Nach einer ersten Phase, in der Projekt-„Prototypen“ zu den Themenkomplexen offene Kirche, virtuelle Begegnung und Kinder, Kirche, Schule erarbeitet wurden, stehe nun ein größeres Projekt an, die Ausschreibung dazu stehe gerade bevor. „Das Thema, das sich als wichtigstes herauskristallisiert hat, ist Begegnung“, so Mandl in der Diskussion, die die Wiener Vikarin Julia Schnizlein-Riedler moderierte.

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ISSN 2222-2464