„Insel in der Geschichte des Versagens“

Schweden retteten von 1938 bis 1941 in Wien tausende Juden vor den Nazis – Schwarcz: Friedensarbeit bleibt das Wichtigste im Leben

Wien, 14. November 2001 (epd Ö) „Für mich ist die Friedensarbeit und die Friedensforschung das Wichtigste in meinem Leben geblieben.“ Das sagte Prof. Ernst Schwarcz bei der Gedenkfeier am 9. November in der evangelischen Messiaskapelle in der Seegasse 16. Schwarz war eines der Kinder, die von der schwedischen Mission gerettet wurden.

Über 3000 Juden und Christen jüdischer Abstammung konnten die Schweden in der Schwedischen Israelsmission in den Jahren 1938 bis 1941 vor dem sicheren Tod im KZ bewahren. Am 9. November vor 60 Jahren, am Tag der so genannten Reichskristallnacht, haben die Nazis die Mission in der Seegasse geschlossen. Mit der Gedenkfeier in der evangelischen Messiaskapelle, dem ehemaligen Standort der Schwedischen Mission, haben die Schwedische Botschaft, die Evangelische Kirche in Österreich und die Schwedische Kirche an die Ereignisse vor 60 Jahren erinnert.

Scham und Schuld

„Wir müssen heute von Scham und Schuld der Evangelischen Kirchen während der Nazizeit reden“, erklärte Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker bei der Gedenkfeier. „Der Antisemitismus war stärker als der Glaube. Das war Ketzerei und Abfall vom Leib Christi.“ Nicht nur einzelne Pfarrer hätten sich schuldig gemacht, „die ganze Kirche ist schuldig geworden.

Bischof Furberg: So viele Menschen wie möglich gerettet

„Die schwedische Mission in Wien hat damals so viele Menschen wie möglich gerettet“ sagte der schwedische Bischof Tore Furberg, der eigens aus Uppsala zu der Gedenkfeier angereist war. Dabei hätten die Mitarbeiter auch nicht vor Kontakten mit Adolf Eichmann zurückgeschreckt. „Wir müssen heute trauern, aber wir müssen auch nach vorne blicken“. Es sei sehr wichtig, dass christliche Kirchen „gegen die Neonazis äußerst wachsam sind.“

Mut und Zivilcourage auch heute wichtig

„Die Mission in der Seegasse ragt wie eine Insel hervor aus der Geschichte des Versagens und der Schuld der Pfarrer und der Kirche“, erklärte Oberkirchenrat Bünker bereits am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in der Schwedischen Botschaft. Dass der Mut und die Zivilcourage von damals auch für heute wichtig sind, betonte die schwedische Botschafterin, Gabriella Lindholm. Die Schwedische Kirche habe durch die Hilfstätigkeit eines Pfarrers und zweier Diakonissen „Stellung bezogen und tausende Menschenleben gerettet“.

Pfarrer Jonas Liljeqvist von der lutherischen Schwedischen Kirche in Wien zeigte das Kruzifix von Georg Klüger, einem getauften Juden. Auf der Rückseite findet sich die Inschrift: „Ich kann dieses Kreuz nicht mit ins Konzentrationslager nehmen, aber Christus begleitet mich.“ Gemeinsam mit seinen Eltern wurde Klüger 1942 in der Gaskammer in Riga ermordet.

Bei der Gedenkfeier am 9. November in der Seegasse haben unter anderem Bischof Mag. Herwig Sturm und weitere Vertreterinnen und Vertreter des evangelischen Oberkirchenrates, der Vorsitzende des israelitischen Glaubensgemeinschaft in Wien, Dr. Ariel Muzikant, sowie Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer teilgenommen. Ein Gedenkgottesdienst unter Mitwirkung von Bischof Furberg und Bischof Sturm fand am Samstag in der schwedisch-lutherischen Kirche in der Gentzgasse (1180 Wien) statt.

ISSN 2222-2464