Immer schneller, immer weiter, bis es nicht mehr geht

Johanna Uljas-Lutz: Burn-out von Depression unterscheiden
Johanna Uljas-Lutz: Burn-out von Depression unterscheiden

Beten gegen Burn-out? Die Evangelische Akademie lud zum Gesprächsabend ins Evangelische Zentrum

Wien, 29. November 2010 (epd Ö) – Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das mehr und mehr zunimmt: In Zeiten der Wirtschaftskrise steigen auch die Belastungsfaktoren für Menschen und damit die Häufigkeit von Burn-out-Fällen. Die Evangelische Akademie Wien hatte daher am Donnerstag, 25. November, unter dem Titel „Beten schützt vor Burn-out nicht“ zu einem Gesprächsabend in das Evangelische Zentrum in Wien eingeladen.

„Ich muss mich entschieden dagegen verwehren, dass das Gebet nicht sehr wohl eine Brücke sein kann, die mich aus der inneren Leere wieder herausführt und zu dem bringt, der mein Leben reich und erfüllt gedacht hat!“, sagte Oberkirchenrätin Hannelore Reiner. Sie selber habe Burn-out-Erfahrungen bei Kolleginnen und Kollegen bereits „etliche Male“ miterleben müssen. Die für Personalangelegenheiten zuständige Oberkirchenrätin: „Bei Berufen im kirchlichen Raum kommt erschwerend das jeweilige religiöse Selbstverständnis, die hohen Erwartungen an sich selbst, was man in der Gemeinde verwirklichen möchte, hinzu.“ Die Gründe für Burn-out seien individuell sehr unterschiedlich, aber es gebe auch strukturelle Probleme. „Als prophylaktische Maßnahmen müssen die drei Felder der persönlichen, der gesellschaftlichen und der organisationellen Umstände betrachtet werden“, erklärte Christa Schrauf, Rektorin des Diakoniewerks Gallneukirchen. Dort ist es für die MitarbeiterInnen beispielsweise möglich, die Arbeitsfelder zu wechseln, auch gebe es spirituelle Angebote, Coachings und Supervision. „Ganz wichtig ist die Betriebskultur und wie etwa die Wertschätzung innerbetrieblich gelebt wird.“

Fragiles Gleichgewicht

Auf die wichtige Differenzierung zwischen Burn-out oder etwa einer depressiven Periode wies die Pfarrerin und Psychotherapeutin Johanna Uljas-Lutz hin. „Beides braucht eine jeweils ganz unterschiedliche Strategie und Begleitung.“ Sie sei verblüfft, wie viele ähnliche Erfahrungen ihre KollegInnen mit Burn-out-Fällen haben: „Da gibt es bestenfalls unterschiedliche Nuancen. Die betroffenen Menschen ‚funktionieren‘ einwandfrei und schaffen es, alles unter einen Hut zu bringen. Und dann kommt eine einzige Sache dazu, und das ganze System bricht bei diesem fragilen Gleichgewicht zusammen.“ Keineswegs seien nur überlastete Manager gefährdet, „Burn-out trifft ebenso arbeitslose Frauen und Männer.“

Als eine mögliche Gegenstrategie nannte Reiner, „nicht darauf zu schauen, was wieder einmal nicht funktioniert hat, sondern darauf zu schauen, was einem gut gelingt und sich dann daraus die Perspektive zum Arbeiten zu holen.“ Burn-out sei keinesfalls eine Modeerkrankung, „der Druck am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft macht den Burn-out fast zu einer ‚ansteckenden Krankheit'“, so Uljas-Lutz. Jedenfalls gehe es auch um eine gesellschaftlich-kulturelle Frage und Herausforderung, unterstrich Kirsten Beuth, Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Wien, die den Abend moderierte: „Es gibt bei uns keine Kultur des Scheiterndürfens. Alles muss immer schneller, höher, weiter gehen.“

ISSN 2222-2464