„Im Zweifelsfall für den Schutz des Lebens“

Evangelische Kirchen präsentieren Denkschrift zu Fragen der Biomedizin

Wien, 24. Oktober 2001 (epd Ö) Ist es aus christlicher Sicht zulässig, Leben „in vitro“ zu erzeugen? Wenn ja, zu welchen Zwecken und in welchem Rahmen? Und was soll mit überzähligen Embryonen geschehen, die zur Fortpflanzung nicht mehr eingesetzt werden können? Das sind, so der Theologe Univ.-Prof. Dr. Ulrich H.J. Körtner, die Grundfragen der evangelischen Publikation „Verantwortung für das Leben – Eine evangelische Denkschrift zu Fragen der Biomedizin“, die am 24. Oktober vor Journalisten in Wien präsentiert wurde. Der Wiener reformierte Systematiker, Hauptautor der Denkschrift, hielt fest: Die Denkschrift, die im Auftrag des Evangelischen Oberkirchenrates A.und H.B. erarbeitet wurde, trete für einen umfassenden Embryonenschutz „vom frühesten Moment an“ ein, im Zweifelsfall immer für den Schutz des Lebens.

In der Frage der Aufbewahrung überzähliger Embryonen halte die Schrift eine befristete Verlängerung der Aufbewahrungsfrist für vorstellbar. Die Adoption von Embryonen würde dagegen „kritisch betrachtet“, da die Gefahr bestehe, dass sich hier das „Tor zur Leihmutterschaft“ öffne. Auch dürften Embryonen keinesfalls zu Forschungszwecken gezüchtet werden. Abzuwägen sei jedoch, ob Stammzellen aus Embryonen zu sorgfältig begründeten wichtigen Forschungszwecken gewonnen werden können.

Gegen „Eugenik von unten“

Zum Problem der Präimplantationsdiagnostik erklärte Körtner: „Es kann Gründe geben, warum Paare die Präimplantationsdiagnostik in Anspruch nehmen wollen. Klar solle man sich darüber sein, dass dies einen Vorgang der Selektion bedeutet.“ Die Frage sei, welche gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen dies habe. Es könnte sich um eine Vorschubleistung für die allgemeine Tendenz zu einer „Eugenik von unten“ handeln.

Körtner betonte, die Denkschrift, in der die Grundlagen evangelischer Urteilsbildung wie Gewissensfreiheit, Mündigkeit und Verantwortung dargelegt würden, sei ein Diskussionspapier und keine „lehramtliche Äußerung“ der evangelischen Kirchen. Als Mitglied der Bioethik-Kommission des Bundeskanzlers äußerte er die Hoffnung, dass die Denkschrift auch in diesem Gremium Impulse vermitteln könne.

Die Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche H.B., Evelyn Martin, zeigt sich bei der Pressekonferenz besorgt, dass sich die Entscheidungen im Bereich der Biomedizin von der Lebenswirklichkeit der Frauen zunehmend entfernten. „Wer sind die, die entscheiden?“, fragte Martin.

Eigenständiger protestantischer Weg

Der reformierte Landessuperintendent Hofrat Mag. Peter Karner erklärte, im Hintergrund der Problematik stehe die Frage: „Wo handelt Gott, wo handelt der Mensch?“ Für Karner ist Gott im verantwortlichen Handeln von Menschen tätig. In der Denkschrift sei ein eigenständiger protestantischer Weg eingeschlagen worden. Die ethischen Positionen seien nicht – wie in der römisch-katholischen Kirche – naturrechtlich bestimmt, sondern orientierten sich an der biblischen Tradition.

Wie der Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche A.B., Dr. Michael Bünker, betonte, nehme die Evangelischen Kirchen in Österreich mit dieser Denkschrift und ihrer Methode eine Vorreiterrolle in der Ökumene ein. Durch die Einbeziehung von Voten aus dem Bereich der Diakonie mache die Denkschrift auch deutlich, „dass es der Evangelischen Kirche unmöglich ist, Stellung zu beziehen, ohne dass Betroffene in die Meinungsbildung eingebunden sind“.

Die Denkschrift „Verantwortung für das Leben – Eine Denkschrift zu Fragen der Biomedizin“ wurde von der am 22. und 23. Oktober in Wien tagenden Synode der Evangelischen Kirche H.B. einstimmig angenomen. Angenommen wurde die Denkschrift auch vom Theologischen Ausschuss A. und H.B., vom Diakonieausschuss A.u.H.B. sowie vom Synodalausschuss A.B.

ISSN 2222-2464