„Im Verborgenen“ – Romanpräsentation von Ljuba Arnautović

Verbindet in ihrem Roman Tatsächliches mit Erfundenem: die Autorin Ljuba Arnautović. Foto: epd/Michael Windisch
Verbindet in ihrem Roman Tatsächliches mit Erfundenem: die Autorin Ljuba Arnautović. Foto: epd/Michael Windisch

Stiller NS-Widerstand zwischen Fakt und Fiktion

Wien (epdÖ) – Ljuba Arnautovićs Debütroman „Im Verborgenen“ über eine Mitarbeiterin des Evangelischen Oberkirchenrates, die während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten Verfolgte in ihrer Wohnung versteckt, wurde am Mittwoch, 4. April, im Wiener Albert Schweitzer Haus präsentiert. Der Roman, aus dem die Autorin las, erzählt die Geschichte ihrer Großmutter Genofeva – genannt Tante Eva  –, deren Söhne sich seit Jahren in der Sowjetunion befinden, während ihr Mann in Australien ein neues Leben begonnen hat. Sie selbst rettet durch ihren stillen Widerstand mehreren Menschen das Leben.

ORF-Redakteurin Renata Schmidtkunz, die durch den Abend führte, würdigte das Erstlingswerk als „Lebensgeschichte, die sich über das ganze 20. Jahrhundert“ sowie über mehrere Kontinente und drei Religionen spanne und enttäuschte Weltanschauungen reflektiere. In der an die Lesung anschließenden Diskussion konfrontierte Schmidtkunz die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl, Bischof Michael Bünker und die Autorin mit der Frage nach der Beziehung von Fakten und Fiktion des historischen Romans. Arnautović betonte, dass sie zunächst geplant habe, den Stoff zu einem Radiofeature oder einem Dokumentarfilm zu verarbeiten. „Zuletzt ist es aber ein fiktiver Roman geworden, der sehr viele wahre Geschichten integriert. Ich weiß ja nicht, was in Evas Versteck gesprochen wurde. Aber auch historischen Dokumenten kann man nicht immer glauben, sie strotzen oft vor Fehlern.“ Letztlich sei es die Geschichte gewesen, die so erzählt werden wollte, wie sie erzählt worden sei.

Zeithistorikerin Uhl: Verzicht auf Psychologisierung

Heidemarie Uhl von der Akademie der Wissenschaften sah die Spannung des Buches „genau darin begründet, dass man nicht weiß, was Fakt und was Fiction ist.“ Sie schätze an dem „reportagehaften“ Roman seinen Verzicht auf Psychologisierung und seine Zurückhaltung, nicht alles erzählen zu müssen. Er komme richtig im Gedenkjahr 2018 zu einer Zeit, in der die Erinnerung an den Nationalsozialismus „mehr Grauzonen und Ambivalenzen“ zulasse als frühere Jahrzehnte: „Es geht auch um Menschen, die widersprüchlich handeln, die zum Beispiel Nationalsozialisten und Judenretter sind.“

Bischof Bünker: Bewegt von der Geschichte dieser Frau

Bischof Bünker zeigte sich „bewegt von dieser Geschichte und dieser Frau. Eva ist nie ein Opfer geworden. Viele wollen immer Opfer sein, sie hat immer ihre Entscheidungen getroffen. Das spürt man auf jeder Seite: eine Frau, die unter Umständen handelt, die uns fragen lassen, was würden wir tun?“ „Im Verborgenen“ sei eines der wenigen Bücher gewesen „die mich gezwungen haben, es zweimal zu lesen.“

Ljuba Arnautović, geboren 1954 in Kursk in der damaligen Sowjetunion, lebt seit 1987 durchgängig in Wien. Sie arbeitete als Übersetzerin, Journalistin und Schriftstellerin. Für ihre Kurzgeschichte „Es dürfen Ersatzstoffe verwendet werden“ erhielt die Autorin 2014 den Exil-Literaturpreis „Schreiben zwischen den Kulturen“. Ihr Roman „Im Verborgenen“ ist im Picus Verlag erschienen. Für die musikalische Umrahmung des Abends sorgte Jelena Martinovic am Akkordeon.

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ISSN 2222-2464