Im Gespräch – „Sternenmütter – Lasst uns reden!“

"Sternenmütter sind als Mütter nicht sichtbar. Weil ihre Kinder es nicht (mehr) sind. Und weil die Gesellschaft tote Kinder am liebsten totschweigt." Foto: wikimedia/4028mdk09/cc by sa 3.0
"Sternenmütter sind als Mütter nicht sichtbar. Weil ihre Kinder es nicht (mehr) sind. Und weil die Gesellschaft tote Kinder am liebsten totschweigt." Foto: wikimedia/4028mdk09/cc by sa 3.0

Julia Schnizlein über Mütter, deren Kinder fehlen

Als Claudia ihren Sohn zum ersten Mal in den Armen hält, hat er die Augen fest verschlossen. Nie wird sie ihn lachen hören. Nie seinen Namen auf einem Spielplatz rufen. Claudia ist eine „Sternenmama“. So nennt man Mütter, deren Kinder vor oder kurz nach ihrer Geburt gestorben sind. Claudias Sohn Emil starb eine Woche vor seinem geplanten Geburtstermin. Die Mutter bringt ihn nach stundenlangen Wehen mit einer sogenannten stillen Geburt zur Welt – einen wunderschönen Buben mit vielen dunklen Haaren. „Er sieht aus, als hätte er vergessen, die Augen zu öffnen“, sagt sein Vater.

Claudia ist mit ihrem Schicksal nicht allein. Jeden Tag stirbt in Österreich mindestens ein Baby. Und der Schmerz, den all diese toten Kinder hinterlassen, ist bodenlos. Alles erinnert an das ungelebte Leben. Die leere Wiege, der leere Kinderwagen. Das Lachen, das einem anderen Kind gehört. Der Name, den ein anderes Kind trägt. Der Muttertag, den andere Mütter feiern.

Sternenmütter sind als Mütter nicht sichtbar. Weil ihre Kinder es nicht (mehr) sind. Und weil die Gesellschaft tote Kinder am liebsten totschweigt. Sie lassen uns rat- und sprachlos zurück. Dabei würde Claudia so gerne über Emil sprechen. Über den Moment, in dem sie ihn zum ersten Mal in den Armen hielt. Und den, in dem sie ihn in seinen kleinen Sarg legte, den sie selbst bemalt hatte. Über sein Grab, auf dem sich Windräder drehen und Frühlingsblumen blühen und wo sie heute den Muttertag verbringt.

Andere Menschen seien oft verunsichert, hätten Angst, Emils Namen auszusprechen, weil sie befürchten, sie könnten alte Wunden aufreißen, erzählt mir Claudia. „Dabei ist Emil sowieso immer präsent. Und die Lücke, die er hinterlassen hat, ständig spürbar.“

Trotzdem hat es Claudia geschafft, ihren größten Schmerz in ihr Leben zu integrieren. Wie? Durch Weinen. Klagen. Reden. Schreien. Zu Menschen und auch zu Gott. So wie in den Klagepsalmen im Alten Testament. So wie es schon Jesus tat, als er am Kreuz die Worte aus dem 22. Psalm rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Oder „Herr, wie lange wirst du mich noch vergessen… Wie lange noch soll der Kummer Tag für Tag an mir nagen?“ (Psalm 13). Schon vor Jahrtausenden wussten die Menschen, wie wichtig es ist, das Leid zu verbalisieren, die Mauer der Sprachlosigkeit zu überwinden und die Isolation des Leidens zu durchbrechen.

Wem solch unfassbares Leid geschieht braucht Menschen, die diesen Schmerz aushalten und zuhören können. Ich bin dankbar, dass ich Claudia zuhören durfte und ihre Geschichte weitererzählen darf. Heute, am Muttertag, denke ich an sie und an all jene, die diesen Tag ohne ihre Kinder begehen müssen. Liebe Sterneneltern: Dieser Tag gehört auch Euch!

Julia Schnizlein, MA ist Vikarin in Wien-Währing. Kontakt: ta.eh1573778361crikr1573778361ehtul1573778361@niel1573778361zinhc1573778361s.ail1573778361uj1573778361

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ISSN 2222-2464