Im Gespräch – „Orange Linien“

"Ich muss auch gut für mich sorgen, damit ich gut für andere sorgen kann. Deswegen brauchen wir eine orange Linie. Wir alle." Foto:pxhere
"Ich muss auch gut für mich sorgen, damit ich gut für andere sorgen kann. Deswegen brauchen wir eine orange Linie. Wir alle." Foto: pxhere

Maria Katharina Moser über Rückzugsräume

Das Of(f)‘n Stüberl der Stadtdiakonie in Linz ist, wie der Name schon sagt, ein warmer und offener Ort: Bei kostenlosem Frühstück können Menschen, die einsam sind oder wohnungslos, mit anderen Gästen und mit den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ins Gespräch kommen – bis die orange Linie erreicht ist. „Die orange Linie ist eine Respektlinie“, erklärt ein Gast. „Das heißt: als Besucher bis zu dieser Linie, dahinter hat man nichts verloren.“ Schließlich laufe in einem Restaurant auch nicht jeder in die Küche, und hinter der orangen Linie sei eben der Bereich des Personals. „Grenzen wahrnehmen und einhalten ist wichtig für unser tägliches Miteinander“, sagt Miguel, Sozialarbeiter im Of(f)‘nstüberl. Ein anderer Gast sieht das ganz ähnlich. Hinter der orangen Linie sei eine Art Schutzzone, sagt er. „Für wen auch immer. Für mich ist eine orange Linie zu ziehen, wenn ich sage: Ich bin ausgepowert. Wo ich mich zurückziehen und sagen kann, das ist jetzt mein Raum, da kann ich wieder neue Energie und Kraft tanken.“

Das Markus-Evangelium erzählt auch von einer orangen Linie. Jesus predigt und heilt zwei Menschen. Das spricht sich schnell herum. Viele Menschen versammeln sich vor dem Haus im Dorf Kafarnaum, in dem sich Jesus aufhält. Auch sie wollen geheilt werden. Und Jesus heilt viele. Frühmorgens verlässt er das Dorf und zieht sich in die Einsamkeit der Wüste zurück, um dort zu beten. Die Jünger suchen ihn. Und Jesus geht mit ihnen die Dörfer in ganz Galiläa, um Menschen zu heilen und ihnen die frohe Botschaft vom Reich Gottes zu überbringen.

Ich denke, dass es mehr als eine fromme Übung für Jesus war, sich in die Wüste zurückzuziehen und zu beten. Dass er zwischendurch einfach seine Ruhe gebraucht hat. So viele Menschen stürmen auf ihn ein – so viel Leid, so viel Elend, so viele Bedürfnisse. Jesus kommt an seine Grenzen. Er braucht eine Aus-Zeit. Und er nimmt sie sich. Jesus lebt uns vor, sich anderen Menschen zuzuwenden – und er lebt uns vor wahrzunehmen, wenn es zu viel wird, und eine orange Linie zu ziehen.

Wir brauchen einen Rückzugsraum, um offen sein zu können. Eine Schutzzone, in der wir zu uns selber und zur Ruhe kommen können. Weil uns die Kraft ausgeht, wenn wir die ganze Zeit gefordert sind. Unendlich ist nur die Macht und die Liebe Gottes. Unsere menschliche Kraft und unsere Liebe stoßen immer wieder an Grenzen. Ich muss auch gut für mich sorgen, damit ich gut für andere sorgen kann. Deswegen brauchen wir eine orange Linie. Wir alle. Ich brauche eine orange Linie, und du brauchst eine orange Linie. Die Nächstenliebe ist nicht uferlos. Das Gebote der Nächstenliebe heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich. Kontakt: ta.ei1571856985nokai1571856985d@nir1571856985otker1571856985id1571856985

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ISSN 2222-2464