Im Gespräch: „Ein Moment – für immer“

"Eigentlich sollten wir viel öfter Briefe schreiben, dachte ich. Aber wer hat schon noch Zeit und Muße dafür? Wer besitzt überhaupt noch ordentliches Briefpapier?" Foto: pxHere
"Eigentlich sollten wir viel öfter Briefe schreiben, dachte ich. Aber wer hat schon noch Zeit und Muße dafür? Wer besitzt überhaupt noch ordentliches Briefpapier?" Foto: pxHere

Julia Schnizlein über die Erinnerung im Brief

Neulich war ich noch einmal so richtig jung. Ich sah mich in der kleinen idyllischen Studentenstadt, 20 Jahre alt und das Leben lag mir zu Füßen. Ich sah sie wieder ganz deutlich vor mir: Die Mädels-WG in der romantischen Altbauwohnung mit dem weniger romantischen Öl-Ofen, für den wir Tag für Tag Ölkannen aus dem Keller schleppten. Ich spürte sie, die Jugend, die Freiheit, den Übermut, die Neugier und den Liebeskummer… Ich konnte sie fühlen, die durchfeierten Sommernächte am Neckarstrand. Und den Kater am Tag danach vom gärenden Apfelmost. Unweigerlich kroch mir der Duft von alten Büchern in die Nase. Gefolgt vom Geruch nach schwerbekömmlichem Mensa-Essen…

Ausgangspunkt für meine nostalgische Reise in die Vergangenheit waren Briefe. Alte Briefe, die ich völlig unerwartet beim Aufräumen der Garage entdeckt hatte. Von meiner besten Freundin, von meinen Eltern und Geschwistern, von Studienkollegen oder Verehrern. Manche mit Bleistift auf ein Stück Papier gekritzelt, andere sorgfältig mit Füllfeder verfasst. Ohne Autokorrektur. Jedes Wort musste sitzen. Jeder Gedanke klar sein. Diese Briefe waren mehr, als jede Email oder WhatsApp heute sein kann.

Für mich war dieser Fund ein großartiges Geschenk. Ich hielt ein Stück konservierte Vergangenheit in den Händen. Zeit, von der etwas geblieben war. Eine Spur aus Tinte. Schrift und Worte, die erinnern und verbinden: gestern und heute und morgen.

Eigentlich sollten wir viel öfter Briefe schreiben, dachte ich. Aber wer hat schon noch Zeit und Muße dafür? Wer besitzt überhaupt noch ordentliches Briefpapier? Wer kann mehr als fünf Zeilen per Hand schreiben, ohne den Anflug eines Krampfanfalls im Handgelenk zu spüren? Vielleicht ist unsere Zeit einfach zu schnelllebig für Briefe, dachte ich mir. Aber ist das wirklich so? Sind wir Sklaven unserer Zeit? Liegt es nicht an uns, was oder wem wir Raum geben wollen? Ob wir uns Zeit nehmen wollen, um den Augenblick wahrzunehmen, zu reflektieren und unsere Empfindungen zu Papier zu bringen?

Ich selbst tue das zumindest zwei Mal im Jahr. Zu den Geburtstagen meiner Töchter. Jeder von ihnen schreibe ich dann einen Brief. Weil Briefe so viel mehr sind, als ein Stück Papier. Sie sind Zeitzeugnisse und geschenkte Aufmerksamkeit. Ein Gedankenschatz.

Ich schreibe meinen Töchtern über alles, was uns im vergangenen Jahr beschäftigt und bewegt hat, was ich an ihnen schätze und was ich mir für sie wünsche. Das Ergebnis ist Zeugnis, Liebeserklärung und Beichte zugleich. Die Briefe werden sie irgendwann bekommen, wenn sie erwachsen sind. Und egal, wo wir alle dann sind, hoffe ich, dass sie dann noch einmal spüren und sehen, schmecken und riechen können: Ihre Kindheit, unsere gemeinsame Zeit, den vergangenen Moment. Für immer.

Julia Schnizlein, MA ist Vikarin in Wien-Währing. Kontakt: ta.eh1542240013crikr1542240013ehtul1542240013@niel1542240013zinhc1542240013s.ail1542240013uj1542240013

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at

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ISSN 2222-2464