Im Gespräch – „Bärenkräfte“

"Zuerst nähte Margarete Steiff Elefanten, bald kamen andere Tiere dazu – Affen, Esel, Pferde, Kamele, Schweine, Mäuse. Der Teddybär mit beweglichen Armen und Beinen wurde ein Welterfolg." Foto: pixabay/myshanah
"Zuerst nähte Margarete Steiff Elefanten, bald kamen andere Tiere dazu – Affen, Esel, Pferde, Kamele, Schweine, Mäuse. Der Teddybär mit beweglichen Armen und Beinen wurde ein Welterfolg." Foto: pixabay/myshanah

Maria Katharina Moser über Margarethe Steiff

Als ich klein war, hat es mich mit Freude und Stolz erfüllt, wenn ich ihn vom Regal nehmen durfte – den alten Teddy mit dem Knopf im Ohr. Vorsichtig, fast andächtig habe ich seine Arme bewegt. Schließlich hatte 25 Jahre vor mir schon meine Mutter mit dem Bären gespielt. Diese glücklichen Kindheitserinnerungen verdanke ich der Stofftier-Erfinderin Margarethe Steiff.

Margarethe Steiff selbst hat als Kind die biblischen Geschichten geliebt, in denen erzählt wird, wie Jesus Kranke heilt. Sie hat gebetet, dass Jesus auch sie heilt. In ihrem zweiten Lebensjahr war sie an Kinderlähmung erkrankt, 1849 war das. Von da an war sie an beiden Beinen gelähmt, ihre rechte Hand war steif. Sie hat Kinder geliebt. So gerne wäre sie Lehrerin geworden. So gerne hätte sie Kindern beigebracht, was sie im Leben brauchen. Aber mit der Behinderung war das nicht möglich. Sie musste ihren Lebenstraum begraben.

Krankheit, Verlust und der Schmerz darüber – in solchen Situationen drängt sich mitunter der Gedanke auf: Ach, hätte ich doch einen anderen Körper! Ach, hätte ich doch ein anderes Leben! Auch Margarethe Steiff hat sich das wohl gewünscht, hat sie doch gebetet, geheilt zu werden.

Die Jahre zogen ins Land. Und keine Heilung in Sicht. Margarethe wurde konfirmiert. Als Konfirmationsspruch bekam sie einen Bibelvers aus dem Zweiten Korintherbrief: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das muss ein schwerer Satz für sie gewesen sein, denke ich mir. Vielleicht sogar eine Zumutung. Wie soll das gehen, sich an Gottes Gnade genügen zu lassen, wenn man sich nichts sehnlicher wünscht, als geheilt und Lehrerin zu werden?

Margarete konnte eine Ausbildung als Schneiderin machen. Immerhin. Gemeinsam mit ihrer Schwestern hat sie eine Nähmaschine angeschafft. Die allererste im Ort. Weil sie das Schwungrad mit der rechten Hand nicht antreiben konnte, hat sie die Maschine kurzerhand umgedreht und seitenverkehrt genäht. Irgendwann entdeckte sie in einer Zeitschrift ein Schnittmuster für ein Nadelkissen in der Form eines Elefanten und fertigte eines an. Das Nadelkissen wurde von ihren Nichten und Neffen rasch zweckentfremdet – als Spielzeug. Und eine Idee war geboren: Stofftiere!

Zuerst nähte Margarete Steiff Elefanten, bald kamen andere Tiere dazu – Affen, Esel, Pferde, Kamele, Schweine, Mäuse. Der Teddybär mit beweglichen Armen und Beinen wurde ein Welterfolg.

Ihre Hoffnung auf Heilung hat sich nicht erfüllt. Auch ihr Lebensplan, Lehrerin zu werden, nicht. Da war nur dieser Bibelvers: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Und die Freude, die Margarete Steiff mit ihren Stofftieren unzähligen Kindern bereitet hat.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich. Kontakt: ta.ei1566527014nokai1566527014d@nir1566527014otker1566527014id1566527014

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at

Schlagworte:

ISSN 2222-2464