Hohn und Spott

Das Denkmal für die Opfer der Shoa am Wiener Judenplatz. Foto: wikimedia/dnalor_01/cc by sa 3.0
Das Denkmal für die Opfer der Shoa am Wiener Judenplatz. Foto: wikimedia/dnalor_01/cc by sa 3.0

Michael Chalupka über die, die zuschauten

Heute vor 81 Jahren brannten die Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert. Private Wohnungen verwüstet. Die Väter verschleppt. Menschen getötet. Das Novemberpogrom in Österreich war von besonders großer Brutalität gekennzeichnet. Es war von langer Hand vorbereitet, durch eine Medienkampagne und organisierte Horden aus SA und SS.

Doch um die brennenden Synagogen standen Menschen und schauten zu. Sie waren nicht organisiert. Da waren Männer, Frauen und Kinder, die, vom Spektakel und der Verhetzung angelockt, feixten und lachten, während Gebetshäuser brannten und Menschen vor ihnen im Staub lagen.

Einer derer, die im Staub lagen, mag mit den Worten des Psalmisten gebetet haben.

„Doch ich, ich bin ein Wurm. Kein Mensch.
Die Menschen – lachen mich aus. Das Volk – verachtet mich. Ich liege im Dreck.
Keiner hilft mir. Sie haben mich umzingelt. Der Mob hat mich eingekreist.
Sie haben ihre Mäuler aufgerissen.“

Was bringt Menschen dazu, angesichts des Leides, das sich vor ihren Augen abspielt zu feixen, zu spotten und zu lachen? Wer spottet und lacht, nimmt das Leiden nicht wahr, immunisiert sich gegen das Leiden. Wer das Leiden nicht wahrnimmt, der spürt auch kein Mitleid. Wer das Leiden nicht spürt, kann auch nicht helfen.

Deshalb ist es auch nach 81 Jahren wichtig zu gedenken. Es geht um uns. Denn wer das Leiden seiner Mitmenschen nicht zu spüren vermag, nimmt Schaden an seiner Seele.

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ISSN 2222-2464