„Herausforderungen und Chancen breit diskutieren“

Theologische, ethische, rechtliche und medizinische Fragen wurden beim Studientag der Generalsynode in Wien ausführlich diskutiert. (Foto: Pixabay)
Theologische, ethische, rechtliche und medizinische Fragen wurden beim Studientag der Generalsynode in Wien ausführlich diskutiert. (Foto: Pixabay)

Studientag der Generalsynode befasste sich mit neuen Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin

Wien (epdÖ) – Die Herausforderungen, aber auch die Chancen, die die neuen Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin bieten, bedürfen einer breiten gesellschaftlichen und multidisziplinären Diskussion. Das war der Tenor auf einem hochkarätig besetzten Studientag, zu dem der theologische Ausschuss der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich am Samstag (18. Juni) ins Wiener Kardinal König Haus geladen hatte. An der Tagung nahmen neben dem Wiener evangelischen Theologen und Ethiker Ulrich Körtner auch Diakonie-Direktor Michael Chalupka sowie drei Expertinnen aus den Bereichen Medizin und Recht teil.
Weil es in der Illegalität überhaupt keine Regeln gibt, würde ein grundsätzliches Verbot grenzwertiger biomedizinischer Forschung erst recht einer möglichen Willkür Tür und Tor öffnen, warnte der Vorsitzende des Theologischen Ausschusses, Superintendent Hermann Miklas. Es könne daher eine bewusst verantwortete Entscheidung sein, umstrittene Bereiche möglichst exakt zu regeln – und damit potentielle Willkür einzugrenzen.

Die evangelische Position versuche immer, ein höchstes Maß an Freiheit für den Einzelnen zu ermöglichen, sagte Ulrich Körtner. Deswegen sei von evangelischer Seite die Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes aus dem vergangenen Jahr – diese Neufassung enthält unter anderem eine Stärkung der Präimplantationsdiagnostik (PID) – zum größten Teil begrüßt worden. Die katholische Kirche hatte massive Bedenken gegen das Gesetz geäußert. „Man muss zwar nicht alle Punkte des Gesetzes begrüßen, im Zweifel gilt aber immer das Recht auf die persönliche Entscheidung“, so Körtner. Von ethischer Seite seien für ihn immer die Verbote begründungspflichtig und nicht die Gebote. Das gelte auch für die umstrittene PID, mit Hilfe derer seit dem vergangenen Jahr die Untersuchung des künstlich befruchteten Embryos vor der Einsetzung in die Gebärmutter erlaubt ist. Den Weg hin zur Selektion und zum „Designerbaby“ sieht Körtner damit aber nicht geebnet. Die PID könne nur in Ausnahmefällen, etwa zur Verhinderung schwerer, nicht behandelbarer Krankheiten eingesetzt werden und unterliege strengen gesetzlichen Rahmenbedingungen. „Es geht bei der PID nicht notwendigerweise um das Aussortieren nach bestimmten Vorgaben, sondern vielmehr um das Vermindern von Leid“. Wenn bei diesen Behandlungen aus Liebe gehandelt werde, dann gebe es auch von einer theologischen Perspektive keinen Grund, den Menschen irgendetwas vorzuschreiben. Grundsätzlich müsse sich die Gesellschaft wie auch die Kirche mit dem Thema der Fortpflanzungsmedizin intensiver auseinandersetzen und die Fragestellungen auch in den seelsorgerischen Alltag aufnehmen, ist Körtner überzeugt.

Für Diakonie-Direktor Chalupka ist es besonders wichtig, werdende Eltern zu begleiten, die sich mit Fragen der Fortpflanzungsmedizin und Pränataldiagnostik auseinandersetzen müssen. Oft überforderten die schweren Entscheidungen, die in kurzer Zeit getroffen werden müssen, die Eltern. Die Diakonie hatte in Linz eine Beratungsstelle für Eltern mit diesen Fragen eingerichtet, diese aber nach einem Jahr auf Grund von geringer Inanspruchnahme durch Betroffene wieder schließen müssen. Hier sei die Hemmschwelle, eine solche Beratung zu besuchen, zu hoch gewesen, berichtete Chalupka. Jetzt plane man, das Angebot im Rahmen eines anderen Projektes wieder anzubieten. Diese psychosoziale Betreuung sei neben der medizinischen Beratung wichtig. Dabei ginge es in keinem Fall darum, den Menschen irgendeine Richtung vorzugeben. Vielmehr wolle man verschiedene Möglichkeiten aufzeigen und so die Eltern auf dem Weg zur Entscheidungsfindung unterstützen.

Auch für die Leiterin der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung im Wiener Wilhelminenspital, Barbara Maier, ist eine psychologische Betreuung während der medizinischen Behandlung sehr wichtig. Leider sei man hier noch nicht sehr weit, so die Medizinerin. Grundsätzlich seien viele Mütter während der oft Jahre andauernden Versuche der künstlichen Befruchtung besonderen psychologischen Belastungen ausgesetzt. So würden viele Frauen die Anwendung von In-vitro-Fertilisation gerne geheim halten, da sie diesen „Makel“ in der Öffentlichkeit nicht zugeben wollen. Der Bereich von Samen- oder Eizellenspende sei sehr sensibel und führe oft zu psychologischen Belastungen und Minderwertigkeitsgefühlen bei den Betroffenen.

Die Wiener Kinderärztin Christina Peters vom Wiener St. Anna Kinderspital beleuchtete die PID von einem medizinischen Standpunkt aus. Grundsätzlich biete diese Methode viele Möglichkeiten, Leid zu mindern, so die Ärztin. Schwierig sei natürlich immer der Grad der Einschränkung des Kindes. Bei einer Trisomie 21 lasse sich beispielsweise im Vorhinein nicht bestimmen, wie schwer die Beeinträchtigung sein wird. Anders sei es bei Fällen, die mit lebenslangen Schmerzen verbunden sind. Hier könne man, beispielsweise bei schweren Erbkrankheiten, durch die PID viel Leid abwenden, ist Peters überzeugt.

Für die Wiener Juristin Maria Kletecka-Pulker war die Novellierung des Fortpflanzungsmedizingesetzes dringend notwendig, da das alte Gesetz viele Lücken und Unklarheiten aufgewiesen habe. Auch die neue Fassung des Gesetzes sei natürlich nicht fehlerlos, aber ein Schritt in die richtige Richtung. In Österreich nach wie vor verboten bleiben die Leihmutterschaft, Eingriffe in die Keimbahnen und die Embryonenspende. Die PID sei nur dann zulässig, wenn keine andere Lösung mehr möglich sei, so Kletecka-Pulker. Auch wenn sie mit den aktuellen Regelungen in Österreich zufrieden sei, dürfe man jedoch nicht blauäugig glauben, es gäbe in Österreich keine Kinder aus Leihmutterschaft oder ähnlichem. Wenn der Kinderwunsch alles andere übersteige, fänden Eltern Wege und gingen beispielsweise für Behandlungen in Ausland.
In der nachfolgenden Diskussion zeigten sich viele der Teilnehmenden über die Vielfalt und die Komplexität des Themas erstaunt und betroffen, betonten aber, sie hätten auf Grund der fundierten und mehrdimensionalen Betrachtungsweise eine Reihe neuer Gesichtspunkte gewonnen.

ISSN 2222-2464