Hennefeld: Zivilcourage typisch evangelisch, aber keine evangelische Erfindung

Linz: Weitere vier „zivilcouragierte Menschen“ in „Bibliothek der Zivilcourage“ des evangelischen Studentenheims aufgenommen

Linz (epd Ö) – „Zivilcourage ist keine evangelische Erfindung. Menschen, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit ihrem Gewissen folgen, für Rechte anderer eintreten, sich als Einzelne in der Gesellschaft auch exponieren, hat es lange vor der Reformation gegeben, wahrscheinlich zu allen Zeiten und auch in anderen Religionen“, sagte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld in seinem Vortrag „Zivilcourage – eine protestantische Perspektive“ bei dem Gedenkabend und der Ehrung von „vier zivilcouragierten Menschen“ im evangelischen Studentenheim Dietrich Bonhoeffer in Linz am 24. November. Aufgenommen in die „Bibliothek der Zivilcourage“ im Linzer Studentenheim wurden Olympe de Gouges, die erste Frauenrechtlerin der Französischen Revolution, Elise Lehner, Gründerin der Diakonissen in Gallneukirchen, Lothar Kreyssig, Richter im Widerstand und Gründer der Aktion „Sühnezeichen“, und Zsigmond Varga, calvinistischer Märtyrer.

Zivilcourage sei aber doch etwas typisch Evangelisches – mit Einschränkungen. „Denn: Theologisch gerechtfertigt wurden auch ganz andere Haltungen: Unterwerfung gegenüber dem Staat, Rechtfertigung von Antisemitismus und rassistischer Ideologie. Wir wissen das alles. Und doch passt Zivilcourage und Protestant-Sein gut zusammen.“ Protestanten seien Menschen, die für etwas einstünden und daher „auch bereit sind, gegen Unrecht, Unterdrückung und Lüge zu protestieren. Das Besondere ist, dass sie ihre Motivation dafür aus ihrem Glauben gewinnen.“

Bis hin zum zivilen Ungehorsam

Zivilcourage zu leben sei mehr als ein spontaner Protest, es sei eine Lebenshaltung, die durchaus auch religiös motiviert sein könne. Hennefeld: „So eine Grundhaltung kann zum zivilen Ungehorsam führen, aber auch zum offenen Widerstand und bis zur Rebellion reichen, wie das besonders in der Zeit des Nationalsozialismus der Fall war.“ Es sei gut, wenn Menschen religiös motiviert seien und daraus auch ihre Kraft bezögen, „aber es ist auch wichtig, mit jenen Gruppen an einem Strang zu ziehen, die mit Gott und Christentum nichts am Hut haben, sich aber für die Würde von Menschen und Minderheiten einsetzen“.

Rund 100 Besucherinnen und Besucher sind zu dem Gedenkabend und der Ehrung gekommen. Johann Berger, Leiter des Dietrich-Bonhoeffer-Studentenheims, zeigte sich „sehr zufrieden“ mit dem Erfolg der „Bibliothek der Zivilcourage“. „Diese Bibliothek hat bisher gefehlt. In unserem Haus ist sie hervorragend platziert, denn wir sind unserem Namen verpflichtet“, so Berger.

In der „Bibliothek der Zivilcourage“ werden „mutige Menschen aus der Vergangenheit und der Gegenwart“ vorgestellt. Den Anfang macht der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Weitere Informationen unter www.esh.jku.at

ISSN 2222-2464