Hennefeld und Elbs im Land der „reformierten Reformation“

Der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld und der Vorarlberger katholische Bischof Benno Elbs verewigen sich vor dem Zürcher Großmünster. Foto: epd/Uschmann
Der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld (l) und der Vorarlberger katholische Bischof Benno Elbs verewigen sich vor dem Zürcher Großmünster. Foto: epd/Uschmann

Blog zur Pressereise im Vorfeld des reformierten Reformationsjubiläums

500 Jahre Reformation – was in der lutherischen Kirche schon 2017 gefeiert wurde steht 2019 in der reformierten Kirche am Programm. Der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld und der Vorarlberger römisch-katholische Bischof Benno Elbs nahmen das Jubiläum von Huldrych Zwinglis erster Predigt im Zürcher Großmünster zum Anlass für eine Reise in das Kernland der „reformierten Reformation“. Begleitet wurden Elbs und Hennefeld bei ihrem Aufeinandertreffen mit Schweizer KirchenvertreterInnen  von Journalistinnen österreichischer und südtiroler Medien. In diesem Blog lesen Sie in loser Folge von den einzelnen Stationen Pressereise. Alle Fotos von der Pressereise finden Sie auf foto.evang.at

Auf Zwinglis Spuren – Stadtführung durch Zürich

Zürich (epdÖ, 25. September 2018) – „Als Huldrych Zwingli im Jänner 1519 im Zürcher Großmünster zu predigen begann war das ein Skandal: Erstens predigte er auf Deutsch, zweitens folgte er nicht der Perikopenordnung“, sagt die Schweizer Pfarrerin Catherine McMillan. Sie ist die offizielle Reformationsbotschafterin der Zürcher Reformierten Kirche für das bevorstehende Zwinglijahr 2019. Die TeilnehmerInnen der Pressereise stimmte sie mit einer Stadtführung auf den Spuren Zwinglis auf das „reformierte Reformationsjubiläum“ ein. Zwingli sei in vielen seiner Ansichten durchaus radikal gewesen, dennoch habe er zu Unrecht einen schlechten Ruf, meint McMillan und spricht unter anderem das Bilderverbot des Reformators an: „Natürlich hat Zwingli gemeint, wir brauchen keine Bilder in den Kirchen, weil der Mensch selbst Ebenbild Gottes ist. Aber er hatte nichts gegen bildliche Darstellungen an sich.“ So ist auch die berühmte deutsche Übersetzung des Neuen Testaments, die im Großmünster aufliegt, reichlich mit Bildern versehen. Besonders daran ist zudem, dass Zwingli bei dieser von Erasmus von Rotterdam inspirierten Übersetzung auch Juden zu Rate zog: ein Novum im antisemitischen Milieu, in dem er lebte. Aus der Gruppe der Bibelübersetzer ging übrigens auch die spätere Theologische Fakultät und damit die Keimzelle der Zürcher Universität hervor, erzählt Zeno Cavigelli, Kommunikationsbeauftragter der römisch-katholischen Kirche in Zürich. Er führte durch das vorreformatorische Zürich: „Im Mittelalter gab es hier drei Bettelorden, davon ist aber heute nur mehr eine Kirche erhalten. Der Rest sind Banken“, sagt Cavigelli mit einem Augenzwinkern. Katholische Gottesdienste sind übrigens erst seit 1807 wieder erlaubt; heute aber ist die Stadt Zürich wieder mehrheitlich katholisch, in den ländlichen Gegenden des Kantons überwiegen die Reformierten.

Vor der Zwingli-Statue in der Zürcher Altstadt: die Reformationsbotschafterin Catherine McMillan. Foto: epd/Uschmann
Vor der Zwingli-Statue in der Zürcher Altstadt: die Reformationsbotschafterin Catherine McMillan. Foto: epd/Uschmann

Generalvikar Josef Annen: Bei Reformationsjubiläum in Zukunft schauen

Zürich (epdÖ, 25. September 2018) – Die ökumenische Dimension der Zürcher Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum 2019 betonte der Zürcher römisch-katholische Generalvikar Josef Annen im Gespräch mit den Österreichischen JournalistInnen. „Die Reformierten feiern jetzt ohnehin schon seit zwei Jahren. Nächstes Jahr aber laden wir zu einer gemeinsamen Feier ins Großmünster ein. Das ist ein wichtiges Zeichen.“ Annen erinnerte auch an die negativen Auswirkungen der Reformation: „Die Aufhebung der Klöster zum Beispiel nahm Frauen die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Das bedeutete eine Verarmung. Auch die Geschichte der Täuferbewegung ist so eine Schattenseite.“ Dennoch solle im Jubiläumsjahr nicht der Blick in die Vergangenheit – positiv oder negativ – vorherrschen: „Wir feiern unseren gemeinsamen Glauben an Christus, wollen in die Zukunft schauen, haben einen gemeinsamen Auftrag in diesem Kanton.“

Schweizer Kirchenbundspräsident Locher: „Evangelischer Kirchenbund hört auf zu existieren!“

Zürich (epdÖ, 25. September 2018) – „Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund hört auf zu existieren!“ Das sagte der Präsident des Schweizerischen Kirchenbundes (SEK), am Dienstagabend gegenüber den TeilnehmerInnen der Pressereise in der Zürcher Helferei, der früheren Amtsstube des Reformators Ulrich Zwingli. „Die SEK wird zur Evangelischen Kirche in der Schweiz. Auch die basisverliebten Schweizerinnen und Schweizer wissen, dass Kirche nicht nur an der Basis geschieht.“ Mit dem Umbau seien schwerwiegende Veränderungen in der Schweizerischen Kirchenlandschaft verbunden, die bislang die Autonomie der kantonal strukturierten evangelischen Kirchen betont hatte. „Die Evangelische Kirche in der Schweiz bekommt jetzt auch eine Synode. Die Kirchen müssen aber erst entscheiden, was sie gesamtschweizerisch beschließen wollen und was nicht. Ich glaube, Kirche funktioniert nur, wenn es vertikale Integration gibt, aber die Freiwilligkeit gewahrt bleibt.“ Noch sei das letzte Wort zudem noch nicht gesprochen. Die finale Abstimmung wird für Dezember erwartet. Zurückhaltend zeigte sich Locher bei der Frage, ob die geplante Schweizer Landeskirche den Mitgliederkirchen Entscheidungen „aufzwingen“ könne. „Aber wesentliche Entscheidungen müssen jetzt und gemeinsam getroffen werden. Wir haben da in den nächsten Jahren eine Situation, in der sich manche, kleinere Kirchen der Corporate Identity anschließen.“ Von den großen kantonalen Kirchen wie Zürich oder Genf werde der Wille zur Eigenständigkeit stärker betont. Sollte die Abstimmung im Dezember übrigens negativ ausfallen hat Locher noch keinen festen Plan B: „Dann müsste man genau hinhören, was das für ein Nein wäre.“

Die Zürcher Helferei: wo früher Zwinglis Amtsräume waren ist heute ein Kulturzentrum untergebracht. Foto: epd/Uschmann
Die Zürcher Helferei: wo früher Zwinglis Amtsräume waren ist heute ein Kulturzentrum untergebracht. Foto: epd/Uschmann

Zürcher Fraumünster: Über Geld wollte Chagall nicht reden

Zürich (epdÖ, 26. September 2018) – „Als Marc Chagall 1968 gefragt wurde, ob er die Fenster im Zürcher Fraumünster gestalten wollte, war er der Idee sehr zugetan. Als man ihn fragte, was das kosten sollte, meinte er aber: ‚Über Geld wollen wir jetzt nicht reden!‘“ Niklaus Peter, Pfarrer der alten reformierten Kirche im Herzen Zürichs, spart nicht mit Dramatik, wenn er von der Geschichte der berühmten Fenster im Altarraum seines Arbeitsplatzes erzählt. Sein Vorvorgänger, Peter Vogelsanger, hatte den weltberühmten Künstler Chagall im Zuge einer Ausstellung auf das mögliche Projekt angesprochen. Als man ihm letztlich einen Preis von 150.000 Franken vorschlug meinte Chagall, das sei zwar eher ein „symbolischer Lohn“, willigte aber doch ein. Doch nicht nur wegen seiner Fenster ist der Fraumünster berühmt. Rund um das im Jahr 853 gegründete Kloster und dessen Kirche wurde Zürich buchstäblich erbaut; die Benediktinerinnen – durchweg aus gutem adeligen Haus, so Pfarrer Peters – hätten die Stadt deutlich geprägt. Die letzte Äbtissin war es dann, die von den Ideen Zwinglis angetan war und die Kirche den Reformierten übergab. Peter aber will die Kirche nicht als historischen oder musealen Raum verstanden wissen. Wenn er Führungen durch seine Kirche anbiete, dann beginne er gerne mit einem Vergleich: „Diese Kirche ist wie ein Computerchip. Stellen Sie sich vor, wie viele Gebete hier seit 853 gebetet, wie viele Lieder gesungen worden sind. Das ist alles hier gespeichert.“ Der Kirchenraum solle eine Verwandlung im Menschen anstoßen – ein Wort, das bei vielen BesucherInnen auf Irritationen stoße. „Ich sage dann: Erwarten Sie nicht, dass Sie als Engel oder als Heiliger die Kirche verlassen, aber erwarten Sie, dass dieser geistige Innenraum etwas in Ihnen verändert.“

"150.000 Franken waren für Marc Chagall ein symbolischer Lohn." Pfarrer Niklaus Peter vor den Chagall-Fenstern im Zürcher Fraumünster. Foto: epd/Uschmann
„150.000 Franken waren für Marc Chagall ein symbolischer Lohn.“ Pfarrer Niklaus Peter vor den Chagall-Fenstern im Zürcher Fraumünster. Foto: epd/Uschmann

Die Unterdrückung der Täufer – Zwinglis Schattenseite

„Der Anstoß des Konflikts Zwinglis mit den Täufern war eigentlich nicht die Erwachsenentaufe. Vielmehr ging es zunächst um einen Generationenkonflikt“, erzählt Peter Dettwiler. Der frühere Ökumenebeauftragte der Zürcher reformierten Kirche widmet sich der Aufarbeitung des Verhältnisses Zwinglis zu den Täufern – und es ist noch viel zu tun, wie er bemerkt: „Es gibt in Zürich keine Statuen oder Denkmälern von den ersten Täuferführern Felix Manz oder Konrad Grebel. Erst 2004 wurde ein Gedenkstein an der Limmat verlegt, in der viele Täufer ertränkt wurden.“ Manz und Grebel waren beide rund 15 Jahre jünger als Zwingli. Ihnen war der Reformator in den 1520ern nicht radikal genug, sie forderten die Abschaffung der Messe, die völlige Verbannung der Bilder.  „Zwingli und sein Nachfolger Bullinger haben die Täufer dann unterdrückt und verfolgt, sie wollten sie an der Wurzel ausrotten – was ihnen nicht gelungen ist.“ Viele seien ausgewandert, in der Schweiz selbst aber blieben die Täufer, die die Kindstaufe radikal ablehnten, über 300 Jahre verfolgt. Vor allem als die Stadt Zürich gesetzlich die Taufe von Kindern innerhalb von acht Tagen nach der Geburt vorschrieb eskalierte die Situation. Und noch 1952 wurde ein Antrag auf ein Denkmal für die Bewegung vom Stadtrat abgelehnt – mit der Begründung, Staatsfeinden könnte man kein Denkmal errichten. Dettwiler aber ist um Verbesserung bemüht: „Wir sind nicht die Täufer, aber wir sind gewissermaßen Zwillinge. Wir können viel voneinander lernen, ohne unsere Identität zu verlieren.“

Peter Dettwiler vor der Limmat, in der zahlreiche Täufer ertränkt wurden. Foto: epd/Uschmann
Peter Dettwiler vor der Limmat, in der zahlreiche Täufer ertränkt wurden. Foto: epd/Uschmann

„Die Genfer wollten kein Denkmal für Calvin“

Genf (epdÖ, 27. September 2018) – Von Zürich nach Genf, von der deutsschprachigen in die französische Schweiz, von Zwingli zu Calvin: „Der 21. Mai 1536 war einer der wichtigsten Tage in der Geschichte von Genf“, sagt Fremdenführerin Ursula Diem-Benninghof. „An diesem Tag entschieden sich die Genfer erstens für die Reformation, zweitens für eine unabhängige Republik, und drittens für kostenlose Bildung.“ Bald darauf kam der Jurist und Theologe Johannes Calvin nach Genf um zu sehen, wie die Sachen liefen – „und sie liefen nicht allzu gut.“ Die Genfer baten den noch nicht einmal Dreißigjährigen zu bleiben – schnell aber wurde ihnen der aus der Picardie stammende Calvin zu rigoros, und er wurde „recht unhöflich“ gebeten, wieder zu gehen. „Nur um ihm bald wieder auf Knien zu bitten, zurückzukommen.“ Sein Regime, so Diem-Benninghof, sei „nicht gerade sanft gewesen“; junge Frauen, die sich dem Tanzvergnügen hingaben, wurden ebenso mit Arrest bestraft wie Männer, die Karten spielten. Geprägt habe Calvin die Stadt aber wie kein anderer, auch Henri Dunant, Gründer des Roten Kreuzes und des Christlichen Vereins Junger Männer (heute: Junger Menschen) war stark von ihm beeinflusst: „Ein Denkmal wollten die Genfer aber eigentlich nicht von ihm. Aber sie bekamen immer mehr Besucher aus den USA oder Schottland, die die Reformation erleben wollten, also gaben sie nach.“ Verantwortlich für das monumentale Werk, das neben Calvin auch weitere Reformatoren wie Théodore de Bèze zeigt, war mit Albert Caquot übrigens derselbe Künstler, der auch die berühmte Christusskulptur in Rio de Janeiro schuf. Wie sehr Calvin in Genf nachwirkt zeigt sich heute noch in Wappen und Wahlspruch der Stadt: „Post Tenebras Lux“ (Nach dem Schatten das Licht) mit dem griechischen Nomen Sacrum IHS ist noch immer auf jedem offiziellen Genfer Dokument zu lesen – und das in der säkularen Schweiz.

Das Denkmal für Calvin und die erste Generation der Genfer Reformation gegenüber der Universitätsbibliothek in Genf. Foto: epd/Uschmann
Das Denkmal für Calvin und die erste Generation der Genfer Reformation gegenüber der Universitätsbibliothek in Genf. Foto: epd/Uschmann

70 Jahre Weltkirchenrat: Generalsekretär Tveit sieht größere Einheit als 1948

Genf (epdÖ, 27. September 2018) – „Es war absolut notwendig, dass 1948 zusammengebracht wurde, was zuvor getrennt war“, sagt Olav Fykse Tveit, Generalsekretär des Weltkirchenrats (WCC), in der Lobby des Ökumenischen Zentrums in Genf. Hier, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Vereinten Nationen, hat der WCC seinen Sitz, hier hat er heuer auch das Jubiläum seiner Gründung vor siebzig Jahren gefeiert. „Notwendig“, fährt Tveit fort, „war es nicht nur zum Wohl der Kirchen, sondern zum Wohl der ganzen Welt. Die Einheit der Kirchen trägt auch zur Einheit der Nationen bei.“ Religion könne sowohl eine Kraft der Einigung sein als auch eine der Trennung. Zu lange war sie letzteres, jetzt aber sieht der Generalsekretär die Einigung am Weg. „Wir haben jetzt auch viel mehr gemeinsam als 1948. Und unser Einfluss seitdem war groß.“ Er erinnert an den kalten Krieg, die Apartheid in Südafrika oder Korea. Einheit sei aber nicht nur eine politische Größe, sie betreffe auch Einheit im Glauben, auch wenn es freilich große Unterschiede gibt. Auf die Frage, ob und wann es zu einer Mitgliedschaft der Römisch-katholischen Kirche im Ökumenischen Rat komme – in Österreich ist das ja der Fall – relativiert Tveit jedoch. Es gebe zwar offizielle Gespräche, auch war Papst Franziskus heuer zu den 70-Jahr-Feiern zu Besuch, aber eine Mitgliedschaft liegt eher in ferner Zukunft, lässt er durchklingen: „Alles ist möglich dem, der glaubt“, meint Tveit, erinnert aber: „Es wäre freilich auch problematisch wenn eine Mitgliedskirche doppelt so viele Mitglieder hat wie der Rest zusammen. Da ist eine Zusammenarbeit auf nationaler Ebene sicher leichter.“ Seinen Sitz hat der WCC seit langem in Genf. Die Nähe zur UNO und der Schwerpunkt auf Fragen der Flucht legte das nahe, so der Generalsekretär, gefragt, ob angesichts des Wachstums des Christentums in Afrika oder Südamerika bei gleichzeitigem Schrumpfen in Europa nicht eine Verlagerung des Hauptquartiers angebracht sei. Heute arbeite der Weltkirchenrat weltweit dort, wo Themen virulent seien, dazu sei es aber nicht nötig, überall Büros zu eröffnen: „Mit unseren Mitgliederkirchen haben wir ja Vertreterinnen immer vor Ort.“

"Alles ist möglich dem, der glaubt", meint WCC-Generalsekretär Olav Fykse Tveit zur Frage, ob die Römisch-katholische Kirche je Mitglied im Weltkirchenrat werde. Foto: epd/Uschmann
„Alles ist möglich dem, der glaubt“, meint WCC-Generalsekretär Olav Fykse Tveit zur Frage, ob die Römisch-katholische Kirche je Mitglied im Weltkirchenrat werde. Foto: epd/Uschmann

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ISSN 2222-2464