Hennefeld: Nahostkrise soll interreligiösen Dialog in Österreich nicht gefährden

Evangelisch-reformierter Superintendent appelliert zum „Tag des Judentums“ an Israelitische Kultusgemeinde und Islamische Glaubensgemeinschaft – „Gemeinsam die Stimme gegen Krieg und Gewalt erheben“

Wien (epd Ö) – Der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld hat die Verantwortungsträger der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) und der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) dazu aufgerufen, „bei allen verständlichen Emotionen“ aus Anlass der aktuellen Nahost-Krise „das hervorragende Klima der Verständigung und des Dialogs“ zwischen den Religionsgemeinschaften in Österreich zu achten. Der interreligiöse Dialog sei wichtig für die Zukunft der ganzen Gesellschaft, sagte Hennefeld beim ökumenischen Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ in Wien. „Gott zu erkennen und ihn zu fürchten heißt nicht, die Dinge unter den Teppich zu kehren, sondern sie beim Namen zu nennen und trotzdem das Gemeinsame zu suchen anstatt sich über das Trennende zu zerstreiten.“

Es sei „schrecklich“, zu sehen, dass im Nahen Osten „immer wieder die Extremisten das Gesetz des Handelns an sich reißen und Kriegstreiber das Sagen haben“, sagte der reformierte Landessuperintendent in seiner Predigt bei dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich veranstalteten Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ in der Pfarrkirche „Namen Jesu“ in Wien-Meidling. Religiöse Menschen sollten immer das Leid der anderen wahrnehmen und „gemeinsam ihre prophetische Stimme erheben, damit der Wahnsinn ein Ende hat“, appellierte Hennefeld.

Absage an Antisemitismus und „Judenmission“

Der „Tag des Judentums“ am 17. Jänner, mit dem die christlichen Kirchen ihre gemeinsame Verwurzelung im Judentum ins Bewusstsein rufen, wurde in diesem Jahr zum zehnten Mal gefeiert. In seiner Predigt verwies Hennefeld auf den Kirchenreformator Johannes Calvin, dessen Geburtstag sich im Juli zum 500. Mal jährt. Der Reformator habe „in einer Zeit, in der Christen den Antijudaismus internalisiert hatten“, positive Impulse für das Verhältnis von Juden und Christen gesetzt. Zwar seien auch von Calvin „unfreundliche Aussagen“ über Juden bekannt, so Hennefeld, aber: „Unsere Wurzeln haben wir im Volk Israel. Das war Calvin bewusster als manchen seiner Zeitgenossen.“

Christen hätten lange Zeit das Judentum verdammt und „als dunkle Folie benutzt, damit das Christentum daraus noch strahlender hervorleuchten konnte“, erinnerte der Landessuperintendent. Calvin hingegen habe in seiner Theologie und seinem Denken gegenüber dem Judentum nicht mit Gegensätzen und Feindbildern gearbeitet.

Christen müssten sich heute „kritisch mit der eigenen antijüdischen Geschichte und Theologie auseinandersetzen“, so Hennefeld, der jeder Art von „Judenmission“ eine klare Absage erteilte. Er rief zur Wachsamkeit „gegenüber antisemitischen Vorurteilen und Regungen in der Gesellschaft“ auf. Gleichzeitig sollte der Begriff Antisemitismus achtsam und nicht inflationär verwendet werden, damit die eigentliche Bedeutung nicht verloren gehe.

Mit Hennefeld nahmen am Gottesdienst zum „Tag des Judentums“ u.a. teil der emeritierte lutherische Bischof Herwig Sturm als Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, der syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin, der frühere altkatholische Bischof Bernhard Heitz sowie der Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Helmut Nausner.

ISSN 2222-2464