Heldenplatz: 80.000 Kerzen zum Gedenken an NS-Opfer

„Nacht des Schweigens“ am 12. März – Namen der Ermordeten werden auf eine Bühne projiziert

Wien (epd Ö) – Mit einer „Nacht des Schweigens“ auf dem Wiener Heldenplatz wird Österreichs Jugend am 12. März, dem Jahrestag des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich vor 70 Jahren, der Opfer des NS-Regimes in Österreich gedenken. Die gemeinsam von der Katholischen Jugend und der Aktion „A Letter to the Stars“ initiierte Gedenkveranstaltung, an der sich unter anderen auch die Evangelische Jugend Wien und die Muslimische Jugend Österreich beteiligen, beginnt um 18.30 Uhr mit der Entzündung von 80.000 Kerzen im Gedenken an die Ermordeten.

Nach einer kurzen Einleitung zur Gedenknacht, bei der unter anderen die Holocaust-Überlebende Susanne Lamberg und der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski sprechen, werden bis 6 Uhr früh die Namen von 80.000 namentlich bekannten NS-Opfern – vor allem, aber nicht nur jüdischen Österreichern – auf eine Bühne auf dem Heldenplatz projiziert. Um alle Namen in dieser Nacht zeigen zu können, muss gleichzeitig auf vier weiße Leinwände projiziert werden; jeder Name scheint nur jeweils zwei Sekunden lang auf.

„Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, wie viele Opfer es gegeben hat, die im NS-Regime gar keine Chance zum Überleben gehabt haben. Und natürlich ist es auch Auftrag, dafür Sorge zu tragen, dass es in Österreich nie mehr zu so einer Zeit kommen kann“, betonte Elmar Walter von der Katholischen Jugend. Junge Menschen hätten heute nur mehr wenig Bezug zur NS-Zeit, sie seien daher „dankbar dafür, mit diesem Thema konfrontiert zu werden und nützen die Gelegenheit, um die eigene Familiengeschichte zu hinterfragen“. Zentrales Anliegen der Veranstalter sei daher auch, „zu vermeiden, dass dieser Teil der Geschichte Österreichs bald nur mehr Gleichgültigkeit hervorruft“, so Walter.

Berichte von Zeitzeugen

Am 12. März werden ab 18.30 Uhr die 80.000 Kerzen auf dem Heldenplatz entzündet. Anschließend führt der Cellist Heinrich Schiff mit einem Ensemble der Wiener Symphoniker das Stück „Kol Nidre op. 47“ des deutschen Komponisten Max Bruch auf. „Kol Nidre“ ist nach der Auslegung des Floridsdorfer Rabbiners und österreichischen Reichsratsabgeordneten Joseph Samuel Bloch (1850-1923) ein jüdisches Gebet, dessen Ursprung im Spanien des 15. Jahrhunderts liegt, als Juden unter dem Zwang der Inquisition zum Christentum übertraten und als „nuevos cristianos“ (Neuchristen) weiterlebten. Einmal im Jahr kamen sie am Versöhnungstag („Yom Kippur“) zusammen, um mit dem „Kol Nidre“ die Freisprechung für ihren Bruch mit dem Glauben der Väter zu erbitten. Max Bruch vertonte das „Kol Nidre“ für Cello und Orchester. Von den Nationalsozialisten wurde der Komponist dafür als „vermeintlicher Jude“ geächtet und seine Werke aus den Konzertsälen verbannt.

Nach dem Musikstück leiten einige Rednerinnen und Redner die „Nacht des Schweigens“ ein: Unter anderen berichten die Zeitzeugin und Holocaust-Überlebende Susanne Lamberg sowie die Historikerin Prof. Erika Weinzierl von der Zeit des Nationalsozialismus. Auch der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, der Auschwitz überlebt hat, wird zur Gedenkveranstaltung auf dem Heldenplatz erwartet. Ebenso wird Altbundeskanzler Franz Vranitzky, der 1991 als erster hochrangiger österreichischer Staatsvertreter die Mitverantwortung von Österreichern an den Geschehnissen der Zeit von 1938-1945 einbekannte, bei der Gedenkveranstaltung eine kurze Rede halten. Info: www.nachtdesschweigens.at

ISSN 2222-2464