Gutes Einvernehmen zwischen Kirchen und Staat

Fest der evangelischen Niederösterreicher auf der Schallaburg – Landeshauptmann Pröll: „Niederösterreich und Europa müssen christlich bleiben“

Schallaburg, 08. Mai 2002 (epd Ö) Für einen „Wiederaufbau der Wertestruktur“, der dem wirtschaftlichen Aufbau in Niederösterreich folgen müsse, ist der niederösterreichische Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll eingetreten. In seiner Festansprache beim Festakt „Evangelisch in Niederösterreich“ am 4. Mai im Hof des Renaissanceschlosses Schallaburg bei Melk erklärte Pröll in Erinnerung an die Verfolgung und Vertreibung der niederösterreichischen Protestanten während der habsburgischen Gegenreformation: „So etwas darf nie mehr stattfinden.“ Vor 375 Jahren waren die evangelischen Pfarrer und Lehrer aus Niederösterreich vertrieben worden, vor 350 Jahren hatte die systematische Verfolgung und Vertreibung der evangelischen Niederösterreicher eingesetzt.

Pröll sagte, Ähnliches sei noch heute weltweit zu beobachten. Der Mensch sei jedoch fähig, aus der Geschichte zu lernen. Daher gelte es, in „aktiver Toleranz“ die Arbeit gegen Intoleranz, Rassismus, Faschismus und Brutalität aufzunehmen. „Niederösterreich ist ein christliches Land, und Niederösterreich muss ein christliches Land bleiben!“, rief der Landeshauptmann den mehreren hundert Festgästen zu. Pröll weiter: „Auch die Europäische Union muss danach trachten, dass dieser Kontinent ein christlicher Kontinent bleibt.“

Superintendent Weiland: „Heute drehen wir die Geschichte um“

In seiner Begrüßung zu dem Fest, zu dem das Land Niederösterreich und die Evangelische Kirche in Niederösterreich eingeladen hatten, sagte Superintendent Mag. Paul Weiland, bei dem Gedenken an die Vorgänge in der Gegenreformation gehe es darum, „Erfahrungen zu sammeln für ein besseres Morgen“. Gleichzeitig sei es wichtig, „zu zeigen, dass es heute ganz anders ist“. Das Besondere an gerade dieser Feier sei, „dass wir die Geschichte umdrehen und damit der Wirklichkeit nahekommen“. Unter den Gästen befanden sich zahlreiche hochrangige Vertreter aus Ökumene und Politik, wie der St. Pöltener Diözesanbischof Dr. Kurt Krenn, Bischof Gabriel von der Koptisch-Orthodoxen Kirche, mehrere Äbte niederösterreichischer Klöster und Staatssekretär Univ.-Prof. Dr. Reinhart Waneck vom Ministerium für soziale Sicherheit und Generationen sowie Nachkommen vertriebener evangelischer Niederösterreicher.

Auch Bischof Mag. Herwig Sturm nannte in seinem Grußwort das Sich-Erinnern als Voraussetzung für eine offene Begegnung. Heute gebe es eine solchen Begegnung mit einer anderen Kirche und damit auch mit einem anderen Gottesbild. Der Bischof unterstrich: „Vor Gott sind Einheit und Vielfalt möglich, Menschenwürde und Freiheit, Glaubensüberzeugung und Dialog.“

„Wir haben so viel Gemeinsames. Wir sollten uns überlegen, ob das Trennende nicht das Nebensächliche ist.“ Dazu rief der Abt des niederösterreichischen Stiftes Geras, Univ.-Prof. DDr. Joachim Angerer, die Festversammlung auf. In einem Referat zum Thema „Glaube und Toleranz“ hielt der Abt fest: „Wir sind eine große Gemeinschaft der Glaubenden in einer Welt, die sich immer mehr in Blöcken formiert. Wir haben eine große gemeinsame Basis, die uns geschenkt wurde.“ Diese Basis sei der Glaube, der in der Begegnung mit Gott bestehe. Der Abt erinnerte an Martin Luthers scharfe Kritik am Mönchtum und verwies darauf, dass sich auch in diesem Bereich vieles geändert habe. Heute entscheidend sei die Liebe von Mensch zu Mensch in der alles bezwingenden Liebe Gottes.

Reingrabner: „Erinnerung und Tradition helfen bei der Gestaltung der Zukunft“

Den alten Staatsgedanken der Habsburger und das Religionsverständnis der modernen Republik Österreich stellte Univ.-Prof. Dr. Karl Schwarz vom Kultusamt Wien in seinem Vortrag gegenüber. Habe einst die Vorstellung geherrscht, nur ein konfessionell einheitlicher Staat könne vor dem Zerfall bewahrt werden, so habe der moderne Staat gelernt, sich nicht mit einer Religion als Staatskirche zu identifizieren. Der moderne Staat Österreich wolle Heimat für alle Staatsbürger sein. Deshalb grenze er religiösen Pluralismus nicht aus, sondern er grenze ihn ein, indem er Sorge für den religiösen Frieden im Land trage.

„Erinnerung und Tradition bauen noch nicht Kirche, sie helfen aber bei der Festigung des eigenen Standpunktes und bei der Gestaltung der Zukunft.“ Das sagte Univ.-Prof. Dr. Gustav Reingrabner bei seinen einführenden Worten zur Ausstellung „Evangelisch! Gestern und Heute einer Kirche“, die derzeit in der Schallaburg zu sehen ist. Als wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung hob Reingrabner die Beiträge des evangelischen Bevölkerungsteiles beim Aufbau des Landes nach den Verfolgungen hervor. Im Anschluss an die Grussworte führte Reingrabner zahlreiche Festgäste durch die Ausstellung.

Ehrungen für evangelische Niederösterreicher – Luftballons steigen aus dem Schlosshof auf

Dass es bei der Erforschung von Familiengeschichte nicht nur darum gehe, „tote Ahnen zu entdecken, sondern auch lebendige Menschen, gleich welchen Glaubens, die aufeinander zugehen und zueinander finden“, betonte auch der Vertreter der Nachkommen der vertriebenen evangelischen Niederösterreicher in Franken, Pfarrer i.R. Eberhard Krauß. Krauß, der 1. Vorsitzender der Gesellschaft für Familienforschung in Franken ist, verwies auf die engen Verbindungen und Freundschaften zwischen Franken und der Evangelischen Diözese Niederösterreich, die auf Grund historischer Forschungsarbeiten entstanden seien.

Im Rahmen des Festaktes auf der Schallaburg verlieh Landeshauptmann Pröll, der für alle Festgäste einen Empfang im Waffenkeller des Schlosses gab, insgesamt 26 Auszeichnungen des Bundeslandes Niederösterreich an Vertreter und Vertreterinnen evangelischer Gemeinden in Niederösterreich.

Im Sinne „grenzüberschreitender Toleranz“, so Superintendent Weiland, ließen die Festteilnehmer weiße Luftballons, versehen mit der Aufschrift „sichtbar evangelisch“ und persönlichen Grüßen und Wünschen an die Empfänger, aus dem Schlosshof steigen. Musikalisch gestaltet wurde das Fest von der Militärmusik Niederösterreich.

ISSN 2222-2464