Grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Evangelische Kirchen in Bayern, Württemberg, Österreich und Ungarn wollen enger kooperieren

Neuendettelsau, 21. Februar 2004 (epd Ö) Die evangelischen Landeskirchen von Bayern, Württemberg, Österreich und Ungarn wollen künftig enger zusammenarbeiten. Dies ist das Ergebnis einer Arbeitstagung zur Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB), die am 17. Jänner im bayerischen Missionswerk in Neuendettelsau stattfand. Dabei einigten sich die Bischöfe der vier Kirchen darauf, sich besonders in der Frage der wirtschaftlichen Globalisierung stärker gemeinsam zu engagieren. Unter dem Motto „Zur Heilung der Welt“ waren im vergangenen Sommer über 800 Delegierte aus mehr als 70 Ländern zur zehnten LWB-Vollversammlung im kanadischen Winnipeg zusammengekommen. In seiner Abschlussbotschaft verurteilte der LWB die neoliberale wirtschaftliche Globalisierung als „Götzendienst“ und forderte dagegen eine „Ökonomie, die dem Leben dient“.

Die Bischöfe der vier Landeskirchen wollen nun eine Projektgruppe gründen, die „hört, was man nicht hört“, wie es der österreichische evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm formulierte. Der Weitblick für die weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen müsse geschärft werden. „Ist uns denn immer bewusst, woher unser Reichtum kommt, und dass wir von der kapitalistischen Wirtschaft profitieren?“ fragte Sturm. Die Kirchen hätten die Aufgabe, die „verschwiegenen Gesetze des Marktes“ aufzudecken und die „Analphabetisierung im wirtschaftlichen Bereich“ zu bekämpfen.

Der Bischof der ungarischen evangelisch-lutherischen Kirche, Imre Szebik, mahnte, auch die europäische Globalisierung im Blick zu haben. Für Ungarn und die anderen osteuropäischen Beitrittskandidaten der EU sei der Begriff Globalisierung mit dem EU-Beitritt verbunden. „Dies erzeugt große Unruhe und Unsicherheit“, sagte Szebik. Deshalb sei es an den Kirchen, mehr Vertrauen zu geben.

Weiterhin wollen die vier Kirchen verstärkt den Austausch mit den Unternehmen pflegen. Dies solle kirchenübergreifend auf landeskirchlicher Ebene bis hin zur einzelnen Kirchengemeinde geschehen. Für die bayerische Landeskirche konstatierte Landesbischof Johannes Friedrich einen großen Nachholbedarf. Das Thema Globalisierung spiele in der Landeskirche „so gut wie keine Rolle“. Deshalb forderte Friedrich: „Wir müssen zwischen der Unternehmerschaft und der Kirche eine Beziehung herstellen.“

Sein württembergischer Kollege, Landesbischof Gerhard Maier, sprach sich für die nötige Sensibilität im Umgang mit Unternehmen aus. „Kirchen werden oft als eine Art Tribunal seitens der Unternehmerschaft gesehen.“ Jedoch müssten die Kirchen auch bereit sein, die Probleme „der anderen Seite“ kennen zu lernen, unterstrich Maier. In Württemberg werde der Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft schon geführt, betonte der Finanzdezernent der württembergischen Landeskirche, Peter Stoll, der auch Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes ist. Denn für viele Unternehmen sei die Kirche durchaus ein interessanter Ansprechpartner.

ISSN 2222-2464