Graz: Ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an den März 1938

Miklas: Schuld beim Namen nennen – Kapellari: Lernen aus der Geschichte

Graz (epd Ö) – In einem ökumenischen Gottesdienst in der Grazer Stadtpfarrkirche gedachten die christlichen Kirchen der Steiermark am Mittwochabend, 12. März, der Ereignisse von 1938. „Wie hätte ich mich damals verhalten?“ – diese Frage, formuliert von Jugendlichen, stand am Beginn des Gottesdienstes, zu dem das Ökumenische Forum christlicher Kirchen in der Steiermark geladen hatte. Tatsächlich habe im März 1938 noch kaum jemand das Ausmaß des unvorstellbaren Elends erahnen können, „das dieses Regime über Europa, über die ganze Welt, insbesondere über die Angehörigen des Gottesvolkes Israel bringen sollte“, sagte der steirische Superintendent und Vorsitzende des Ökumenischen Forums, Hermann Miklas. Die Zuspitzung zur Katastrophe habe sich gewissermaßen in „homöopathischen Dosen“ vollzogen.

„Können wir wirklich für uns in Anspruch nehmen, dass wir nicht ebenfalls jenen auf den Leim gehen, die zweifelhafte Wertvorstellungen mit scheinbar höchst plausiblen Argumenten gut zu tarnen wissen? Die eine gewaltbereite, verhetzende Sprache wieder salonfähig machen wollen?“, fragte der Superintendent. Es ginge nicht darum, „über eine ganze Generation nachträglich den Stab zu brechen“. Sehr wohl sei es jedoch angebracht, „Schuld beim Namen zu nennen; auch die Mitschuld unserer Kirche(n)“. Die Ereignisse von damals stellten uns Menschen von heute vor die ständige Aufgabe, „immer wieder neu zu prüfen, wo wir ebenfalls wieder Gefahr laufen, das erste Gebot zu missachten und uns zu willfährigen Werkzeugen lebensfeindlicher Mächte machen“, unterstrich der Superintendent. Wo Gott allein Herr des Lebens sei, relativierten sich „alle irdischen Herren, Mächte und Ideologien“. Wo der Platz Gottes hingegen frei werde, „rücken nur allzu leicht andere Götter nach“.

Der römisch-katholische Diözesanbischof Egon Kapellari verwies auf das Wort Mose „Denk an die Vergangenheit, lerne aus den Jahren der Geschichte“. Diese Mahnung gelte auch heute. Jede lebendige Kultur beruhe zu einem wesentlichen Teil auf Erinnerung, „nicht nur an Gelungenes, sondern auch an Tragik und schwere Schuld“. Kapellari: „Diese Erinnerung darf nicht zu Erstarrung im Schrecken oder zu Selbstzufriedenheit führen. Sie soll im Gegenteil Kräfte aufwecken zur Erneuerung von Gesellschaft und Kirche.“ Unvergessen blieben jene Männer und Frauen, die ihren Widerstand gegen das Unrecht mit ihrem Leben bezahlt hätten. Für die katholische Kirche nannte Kapellari hier u.a. die Nonne Restituta Kafka, die Pfarrer Otto Neururer und Heinrich Dalla Rosa, den Innsbrucker Generalvikar Carl Lampert oder den oberösterreichischen Bauern Franz Jägerstätter. Der Rückblick in die dunkle Vergangenheit dürfe allerdings nicht einen „besorgten Rundblick in der Gegenwart“ ersparen, betonte der Bischof. Gerade vor dem Karfreitag gelte es zu bedenken, dass „das Antlitz Christi und die Antlitze aller gequälten Menschen ein wehrloser, aber mächtig ausstrahlender Appell“ seien, „ein Mensch zu sein, der für andere Menschen kein Wolf, sondern ein Mensch ist“.

ISSN 2222-2464