Gewalt gegen Frauen und strukturelle Gewalt in der Wirtschaft

Gallneukirchen: PfarrerInnentagung 2007 beschäftigte sich am zweiten Tag mit unterschiedlichen Formen von Gewalt

Gallneukirchen (epd Ö) – Gewalt gegen Frauen sei „kein neues Phänomen“, erklärte Maria Imlinger vom Frauenhaus St. Pölten in ihrem Impulsreferat auf der gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung am Dienstag, 28. August, in Gallneukirchen. Noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts sei es Männern erlaubt gewesen, Frauen zu schlagen. Gewalt gegen Frauen werde oft im häuslichen und privaten Bereich ausgeübt und sei damit meist versteckt. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts habe es erste Frauenhäuser gegeben; das Problem selbst sei jedoch noch viele Jahre verleugnet worden. Erst in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts seien erstmals Berichte zu diesem Bereich von Gewalt erstellt worden, so Imlinger.

 

Deutlich verwies Imlinger darauf, dass „die Entscheidung, Gewalt anzuwenden“, immer in der Hand dessen liege, „der sie ausübt“. Dabei habe die Gewalt an Frauen „System“; es seien zielgerichtete Handlungen. Ziel dieser Gewaltausübung sei „die Kontrolle über das Verhalten und die Persönlichkeit der Frau“. Paradoxerweise würden misshandelte Frauen die Täter oft entschuldigen. Hintergrund dessen sei, dass den Opfern die Verantwortung für die Misshandlung zugeschoben werde. Weiter werde den Opfern meist nicht geglaubt, und es sei leichter, sich auf die Seite des Täters zu stellen, der einzig und allein das Schweigen über die Misshandlung fordere. Die Opfer bräuchten jedoch Hilfe und Unterstützung. Zudem hätten die Täter oft kaum ein Unrechtsbewusstsein für ihre Taten.

 

Gewalttätige Beziehungen von außen schwer erkennbar

 

Fast immer würden die Dinge eskalieren, berichtete Imlinger und verwies darauf, dass auch die Formen der Gewalt bei fortschreitender Misshandlung stärker werden und die Intensität der Misshandlung größer. Dabei habe die Angst über lange Zeit für die misshandelten Frauen traumatisierende Auswirkungen auf ihre körperliche und seelische Gesundheit. Gewalttätige Beziehungen seien von außen nur schwer zu erkennen. Imlinger betonte, dass sich gewalttätige Männer in ihrer Umgebung sehr positiv darstellen könnten und oft sehr zuvorkommend und engagiert seien. Imlinger: „Gewalttätige Männer sind ganz normale Männer und weder psychisch krank noch abnorm veranlagt; das macht es so schwierig, die Gewalt wahrzunehmen.“

 

Die Gewalt von Männern gegenüber Frauen habe auch „immer massivste Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder, die zu Zeugen der Gewalt und in den Möglichkeiten ihrer Entwicklung massivst beschnitten werden“, so Imlinger. Um die Gewalt zu durchbrechen, sei es notwendig, sie zu thematisieren. Imlinger forderte ein, dass gewalttätige Männer Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen müssen, Gewaltanwendungen nicht wiederholen dürfen und sich ihrer gewaltfördernden Einstellungen bewusst werden müssen.

 

Jeder Mensch hat Anteil an Gewaltstrukturen: Teilhabe an ungerechten Strukturen entziehen

 

In seinem Impulsreferat beschäftigte sich Pfarrer Norman Tendis aus St. Ruprecht/Villach mit dem Thema „Strukturelle Gewalt in der Wirtschaft und Alternativen“. Er gab zu bedenken, dass jeder Mensch „Anteil an Strukturen der Gewalt“ habe. Das fange etwa als Konsument an, da man sich mit dem Einkauf an ungerechten Strukturen mitschuldig machen könne. Nach Tendis‘ Informationen schätzt das „Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, dass eine jährliche Aufwendung von 80 Milliarden Dollar in einer Spanne von zehn Jahren genügen würde, um jedem Menschen den Zugang zu elementarer Schulbildung, medizinischer Versorgung, ausreichender Nahrung, Trinkwasser und sanitären Infrastrukturen zu gewährleisten“. Dem stellte der Pfarrer gegenüber, dass die weltweiten jährlichen Militärausgaben etwa bei 1000 Milliarden liegen würden. Außerdem sei seit 1983 mehr Geld vom Süden in den Norden der Welt geflossen als umgekehrt. Um die strukturelle Gewalt in der Wirtschaft zu überwinden, regte Tendis u.a. dazu an, die wirtschaftliche Teilhabe an ungerechten Strukturen zu entziehen und einen ethisch korrekten Konsum zu leben, Strukturen in Handel und Wirtschaft zu ändern und alternative Strukturen zu etablieren.

 

Bibelarbeit über Tamar: Gewalt an Frauen

 

In ihrer Bibelarbeit am Dienstagmorgen sprach die lutherische Pfarrerin und Psychotherapeutin Johanna Uljas-Lutz aus Wien über „Tamar“. Im Alten Testament wird im 2. Samuelbuch die Vergewaltigung Tamars durch ihren Bruder Amnon geschildert. Die Geschichte erzählt auch von dem Schweigegebot, das Tamar von ihrem anderen Bruder Abschalom bezüglich der Vergewaltigung auferlegt wird und erwähnt kurz, dass der Vater, König David, über die Vergewaltigung erzürnt ist, aber nichts weiter tut. Uljas-Lutz verwies darauf, dass Tamar im Text nur in Beziehung zu ihren Brüdern erwähnt wird. Zur Zeit der Entstehung des Textes war es wohl „die Sache des Bruders, sich um die Schwester zu kümmern“. Die Pfarrerin hob dem gegenüber hervor, dass es die heutige Aufgabe sei, Tamar in den Blick zu nehmen. Dabei stellte sie die Frage, warum Tamar nach dem Missbrauch „so ohnmächtig, so handlungsunfähig“ wurde. Dazu führte Uljas-Lutz aus, dass in den meisten Teilen der Bibel die Behandlung der Sexualität von Frauen fehle. Die Pfarrerin wörtlich: „Die Bibel anerkennt nicht die Existenz der Gesichtspunkte, wie sich Frauen nach einer Vergewaltigung und Verheiratung mit dem Vergewaltiger fühlen.“ Tamars Gefühle, ihre Sexualität und Erotik scheinen uninteressant zu sein. Interessant erschien der Pfarrerin jedoch, dass Tamar „nicht auch noch die Schuld an der Vergewaltigung gegeben wird“.

 

Klar brachte Uljas-Lutz zum Ausdruck: „Tamars Tragik liegt in ihrem unschuldigen Opfersein.“ Der biblische Text bietet keinen Gedanken an, wie Tamar nach dem Missbrauch Hilfe bekommen könnte. Als mögliche Hilfe für Missbrauchsopfer verwies Uljas-Lutz darauf, dass es Menschen brauche, „die das Erzählen von solchen Erfahrungen aushalten“ und den Opfern eine Begleitung anbieten und „neben ihnen bleiben“.

ISSN 2222-2464