Gesine Schwan: Wirtschaftlicher Wettbewerb kann nicht alleiniges Motiv des Handelns sein

Beim Reformationsempfang der Evangelischen Kirchen in Österreich übt die deutsche Politikwissenschaftlerin Kritik an der Wettbewerbsgesellschaft

Wien (epd Ö) – Vehemente Kritik an der modernen Wettbewerbsgesellschaft hat die deutsche Politikwissenschaftlerin Univ.-Prof. Gesine Schwan (Berlin) geübt. In einem Vortrag beim traditionellen Reformationsempfang der Evangelischen Kirchen in Österreich, der das Thema hatte „Allein ist nicht genug – Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit“, sagte die zweimalige deutsche Präsidentschaftskandidatin am 29. Oktober im überfüllten Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien: „Der Wettbewerb hat die Menschen vereinzelt.“ Seit den 90er Jahren, als die Wirtschaft sich globalisiert und die technischen Möglichkeiten sich ausgeweitet hätten, sei Wettbewerb immer wichtiger geworden. Die Grundidee sei gewesen, dass durch Wettbewerb die menschliche Leistung gesteigert und dabei ermittelt werde, „wer der Beste und der Schlechteste ist“. Das habe zur Folge, dass sich der Verantwortungssinn der Menschen darauf konzentriere, zu gewinnen. Nach „christlicher Utopie“ dagegen seien die verteilten „Talente“ „nicht besser und schlechter, sondern anders“. Es gebe keinen Grund, Talente, wie in der Bibel berichtet, zu vergraben.

Schwan räumte ein, dass wirtschaftlicher Wettbewerb nötig sei, er könne jedoch nicht „das alleinige Motiv des Handelns“ darstellen. Gesellschaftliche Aufgabe sei es, die Menschen aus dem Alleinsein, das in einer heterogenen pluralistischen Gesellschaft auch durch unterschiedliche historische und individuelle Erinnerungen geprägt sei, zu einer Gemeinsamkeit „zusammenzubringen“. Schwan: „Es tut dem Menschen nicht gut, allein zu sein.“ In diesem Zusammenhang definierte die Politikwissenschaftlerin Macht als „das Vermögen, Menschen zusammenzubringen, um etwas zu gestalten“.

Warnung vor „Eigenverantwortung“

Zur gegenwärtigen Diskussion um das Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit sagte Schwan, dass beide Begriffe einander ergänzten. Gerechtigkeit sei dabei „die gleiche Chance auf Selbstbestimmung für alle“. Die Rednerin warnte auch vor dem „zunächst gut klingenden“ Begriff der „Eigenverantwortung“, die eine „sehr egozentrische Verantwortung“ sein könne. „Unter diesem Begriff hat eine Politik der Privatisierung Platz gegriffen, die wir umkehren müssen“, sagte Schwan.

In einem anschließenden Gespräch mit dem Sozialexperten der Diakonie Österreich, Martin Schenk, im Rahmen des Reformationsempfangs erklärte die Politikwissenschaftlerin, Menschen, „die gut ausgestattet“ seien, hätten „nicht gern das Gefühl, als ginge es ihnen ungerechterweise gut“. Das führe unter anderem auch zu Spendenfreudigkeit. Schwan: „Es darf keinem so schlecht gehen, dass er nicht seine Freiheit leben kann.“

Konkret forderte Schwan in dem Gespräch: „Alle Kinder müssen ganz früh eine vorzügliche Ausbildung haben.“ Es müsse „eine intelligente Familienpolitik“ geben, in der Männer und Frauen zwischen Beruf und Familie wählen können. Grundsätzlich müsse eine Lebensphase für die Familie gewährleistet sein. In der Erziehung dürfe es kein „Wettbewerbssystem“ geben, das die einen Kinder demotiviere und die anderen zum „Abheben“ bringe.

Insgesamt, so Schwan in dem Gespräch, müsse ein gesellschaftlicher Grundkonsens gefunden werden, der durch das Wettbewerbsdenken verlorengegangen sei. „Wir müssen uns zusammenfinden und überlegen: Was verbindet uns?“, so die Wissenschaftlerin.

ISSN 2222-2464