Gertraud Knoll wechselt in die Politik

Kandidatur im Team Gusenbauer – Stellungnahme der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung

Wien, 30. Oktober 2002 (epd Ö) Zur Kandidatur von Gertraud Knoll im Team von Alfred Gusenbauer hat die evangelisch-lutherische Kirchenleitung Stellung genommen. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

„Die Leitung der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich bestätigt, dass die Superintendentin des Burgenlandes, Mag. Gertraud Knoll, mit 29. Oktober 2002 ihr geistliches Amt niedergelegt hat und aus allen kirchlichen Funktionen ausscheidet, weil sie ein politischen Mandat übernimmt.

Frau Mag. Knoll scheidet damit ab sofort aus dem Dienst der Evangelischen Kirche aus. Ab sofort ist ihre politische Tätigkeit ihre höchstpersönliche Angelegenheit.

In ihr Amt tritt bis zu einer Neuwahl der dienstältere Senior der Evangelischen Kirche im Burgenland, Mag. Manfred Koch.

Superintendentin Gertraud Knoll hat ihre Diözese mit großer Liebe und Verantwortung geführt und auch im Ausland Anerkennung für ihr vielfältiges Engagement erhalten. Gertraud Knoll war eine wache und kritische Zeugin des Evangeliums in den Spannungen und Herausforderungen unserer Zeit. Sie hat Konflikte um der Wahrheit willen nicht gescheut. Ihr Ausscheiden ist für die Evangelischen Kirche ein großer Verlust.

Die Evangelische Kirche dankt der bisherigen Superintendentin Mag. Gertraud Knoll für ihren Dienst in der Diözese Burgenland und in der Gesamtkirche und wünscht ihr und ihrer Familie Gottes Segen auf dem weiteren Weg.“

Bischof Sturm bedauert Ausscheiden

Der evangelisch-lutherische Bischof, Mag. Herwig Sturm, erklärte auf Journalistenanfragen am Dienstag, er nehme den Wechsel von Gertraud Knoll in die Politik „mit Bedauern zur Kenntnis“. Die Entscheidung, für die SPÖ als Quereinsteigerin anzutreten, habe Knoll „ganz eigenständig“ und ohne Rücksprache mit der Kirchenleitung getroffen. Informiert worden sei er, Sturm, davon erst Dienstag Früh.

Knoll sei auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden und habe ihr geistliches Amt niedergelegt. Eine Karenzierung – wie bei Knolls Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten – sei in diesem Fall nicht möglich, so Sturm: „Wir bedauern ihren Schritt, weil sie der evangelischen Kirche viele Impulse gegeben hat, und ihre Arbeit in der Diözese von viel Engagement und Liebe getragen war.“

Die evangelische Synode hat erst vor wenigen Tagen eine Erklärung zum Thema „Kirche und Demokratie“ verabschiedet und darin die Christen ermutigt, ihre politische Verantwortung wahrzunehmen. „Wir finden das nicht unanständig, sondern positiv“, so der evangelische Bischof.

Oberkirchenrat Bünker: Politisches Engagement gehört zum Christsein

„Politisches Engagement gehört zum Christsein. Nach evangelischem Verständnis fordert der christliche Glaube Weltverantwortung und Einsatz für politische Angelegenheiten. Politisch nicht engagierte Christinnen und Christen sind undenkbar.“ Das erklärte der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker gegenüber epd Ö. Deshalb begrüße die Evangelische Kirche, wenn sich „evangelische Christinnen und Christen für politische Funktionen zur Verfügung stellen und im Interesse des Allgemeinwohles einsetzen“, so das Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung. Die Kirche biete dafür auch Orientierung und Begleitung aus dem Geist des Evangeliums an. In vielen der sich bewerbenden Parteien befänden sich an prominenter Stelle evangelische Christinnen und Christen, wie etwa Martin Bartenstein (VP) oder Thomas Prinzhorn (FP), so Bünker.

Superintendent Horn: „Mutiger Schritt“

Der Wiener Superintendent, Mag. Werner Horn, sieht Knolls Wechsel in die Politik als „mutigen Schritt“ und hob ihren sozialen Einsatz hervor. Die Leitung einer Diözese bewertet Horn jedoch persönlich als „bedeutungsvoller“ als die Übernahme eines weisungsgebundenen Staatsekretariats.

Der burgenländische Superintendentialkurator, Prof. Mag. Gerd Zetter, sagte: „An und für sich ist es für einen evangelischen Christen nichts Außergewöhnliches, Verantwortung in der Gesellschaft und Politik zu übernehmen“. Persönlich tue es im Leid, da er mit Knoll hervorragend im Team zusammengearbeitet hätte.

ISSN 2222-2464