Gegenwind für prekäre Arbeitszeiten in Europa

„Allianz für den freien Sonntag“ lud zur Enquete ins Sozialministerium – Zeit gilt als wertvolles Gut

Wien (epd Ö) – Der Trend zu prekärer Arbeits- und Lebenszeit stand im Mittelpunkt einer Enquete im Bundesministerium für Soziales und Konsumentenschutz am 14. Oktober im Wien. Veranstaltet wurde die Enquete von der „Allianz für den freien Sonntag Österreich“ in Zusammenarbeit mit dem Ministerium. Teilgenommen hatten rund 120 Personen, darunter auch zahlreiche VertreterInnen aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Polen und Kroatien aus den Bereichen Wissenschaft, Gewerkschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft.

Bundesminister Erwin Buchinger betonte, dass gerade angesichts der Krisensituation wieder die Menschen verstärkt in den Mittelpunkt treten müssen. Der römisch-katholische Bischof Ludwig Schwarz betonte, dass dem freien Sonntag in Österreich ein besonderer Wert für menschengerechtes Wirtschaften zukomme. Franz Georg Brantner von der Gewerkschaft der Privatangestellten – Druck/Journalismus/Papier (gpa djp) unterstrich die Bedeutung der Vernetzung im europäischen Kontext im Kampf für soziale Arbeitszeiten.

Der deutsche Zeitforscher Jürgen Rinderspacher vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland erklärte in seinem Referat, dass es zu weiteren Verschiebungen in der Zeit-Architektur kommen werde und „zeitliche Areale der Nicht-Arbeit“ zunehmend gefährdet seien. Erkennen lassen sich solche Areale an den Zuschlägen, die an diejenigen zu zahlen sind, die zu „unsocial times“ wie abends, nachts, samstags oder sonntags arbeiten müssen. Einerseits gäbe es kommerzielle Interessen, die eine Bewirtschaftung sämtlicher Zeiten verlangen und diese Entwicklung vorantreiben, es gäbe aber auch gesellschaftliche Entwicklungen, die die Änderungen erforderlich machen. So werden künftig vermehrte Pflegeangebote zu allen Zeiten erforderlich sein. Andererseits würden es vollautomatisierte Fabriken künftig erlauben, zu Zeiten zu produzieren, die für Menschen „unsoziale Zeiten“ sind und zu denen die Maschinen deshalb stillstehen. Das Internet mache Druck in Richtung einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft. Gleichzeitig hätten, so der Zeitforscher, Wochenende und freier Sonntag hohe Attraktivitätswerte. Denn neben dem materiellen Wohlstand gelte für die Menschen Zeit(wohlstand) als wertvolles Gut.

Gemeinsam haben die Allianzen für den freien Sonntag Deutschland, Polen und Österreich eine Resolution zur Aufnahme des freien Sonntags in die EU-Arbeitszeitrichtlinie verfasst, die bei der Enquete vorgestellt und von 100 TeilnehmerInnen unterzeichnet wurde. Darin heißt es, dass der freie Sonntag eine „wichtige gemeinsame Pause ist, die einen besonderen Beitrag zur Gesundheit der Menschen leistet“. Der Allianz für den freien Sonntag Österreich gehören über 50 Organisationen aus den Bereichen Kirchen, Wirtschaft, Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen an.

ISSN 2222-2464