Gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation

Ein spannendes Gespräch anlässlich des Reformationsjubiläums zwischen Hubert Gaisbauer und Ulrich Körtner, moderiert von Maria Katharina Moser (v.r.). Thematische Klammer des Gesprächs war das vermeintliche Lutherzitat „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. (Foto: epdÖ/T.Dasek)
Ein spannendes Gespräch anlässlich des Reformationsjubiläums zwischen Hubert Gaisbauer und Ulrich Körtner, moderiert von Maria Katharina Moser (v.r.). Thematische Klammer des Gesprächs war das vermeintliche Lutherzitat „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. (Foto: epdÖ/T.Dasek)

Ulrich Körtner und Hubert Gaisbauer beim NÖ-Kamingespräch zum Reformationsjubiläum

Herzogenburg (epdÖ) – Schwarzmalerei ist genauso abzulehnen wie ein Beschwichtigungsoptimismus, darin waren sich Ulrich Körtner und Hubert Gaisbauer einig. Beim zweiten Kamingespräch, zu dem die Superintendenz Niederösterreich anlässlich des Reformationsjubiläums am Freitag, 7. April, in das Stift Herzogenburg geladen hatte, spürte der evangelische Theologe gemeinsam mit dem katholischen Autor und früheren Leiter der Abteilung Religion im ORF-Radio Hoffnungen und Ängsten nach. Thematische Klammer des Gesprächs, das Pfarrerin Maria Katharina Moser moderierte, war das vermeintliche Lutherzitat „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Diesen Satz, den ein Pfarrer der Bekennenden Kirche im Jahr 1944 Luther in den Mund gelegt hatte, hätte der Reformator gar nicht gesagt, meinte Ulrich Körtner. Zu unterschiedlich sei Luthers eigenes Denken und unser heutiges, denn Luther habe sich stark in einem apokalyptischen Kontext bewegt und erwartet, „dass es mit dieser Welt nicht lang weiterginge“.

Dennoch mache sich „rundum ein Gefühl breit, das an eine Vorstimmung für einen Krieg erinnert“, befand Hubert Gaisbauer. Noch nie seien so viele Bunker wie heute gebaut worden. Anders als in den 1960er Jahren beobachtet Ulrich Körtner einen „Verlust der Zukunft“. Damals sei die Zukunft in hellen Farben ausgemalt worden, heute habe sich „der Horizont der Zukunft verdunkelt“. Mit Zukunftsslogans lasse sich nicht groß punkten, die Dimension der Zukunft sei aus dem Blick geraten.

Es brauche ein „heftiges Plädoyer gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation“, sagte Hubert Gaisbauer. Gleichzeitig müsse vor Optimisten gewarnt werden, die meinten, alles sei machbar. Die eigene Auseinandersetzung mit der Endlichkeit sei „ein gutes Vademecum gegen einen Optimismus, an dem alles zugrunde geht“, ist Ulrich Körtner überzeugt. Er plädierte für ein neues Engagement für das Friedensprojekt eines geeinten Europa, das gefährdet sei. „Dieses Europa ist ein wichtiges Projekt, das wert ist, weiter forciert zu werden.“ Statt sich zurückzulehnen und zu lamentieren „müssen wir begreifen, dass wir als Christen gerufen sind, Weltverantwortung zu übernehmen gegenüber all jenen, die das Totenglöckchen der EU läuten“, so Körtner wörtlich. Viele junge Menschen seien gegenüber Europa positiv eingestellt, aber beispielsweise zur Brexit-Abstimmung nicht hingegangen. Hier gelte es deutlich zu machen: „Es kommt auf dich an, du kannst auch als Einzelner etwas bewegen“.

Für Hubert Gaisbauer ist es unverständlich, dass christliche Parteien „ihr C so verstecken und nicht reflektiert nutzen, stattdessen nur auf Mehrheiten schielen und sich dem Populismus ergeben“. Das „unglaublich niedrige“ Vertrauen junger Menschen in die Politik mache Angst. Viel ließe sich von dem Vertrauen in die Politk zurückgewinnen, „wenn die Politiker darauf vertrauen würden, dass die Wahrheit zumutbar ist“, betonte Ulrich Körtner. Es brauche Mut, die nötigen Schritte zu setzen.

Dass die Welt nicht mehr quantitativ verbessert werden könne, darauf machte Hubert Gaisbauer aufmerksam: „Weniger ist mehr.“ Es brauche die Einsicht, dass „die Welt ein gemeinsames Haus ist, in dem wir Ungleichheit auf lange Zeit nicht tolerieren können, sondern das Teilen lernen müssen“.

Glaube definierte Ulrich Körtner in dem Gespräch als „Haltung des Vertrauens“, mit der die „Haltung des Mutes“ korrespondiere. Glaube sei demnach „eine Ressource um Mut zu gewinnen, ohne die Augen vor dem zu verschließen, was an Gefährdung da ist“. Und Hubert Gaisbauer resümierte: „Leisten wir der Globalisierung der Gleichgültigkeit Widerstand, treten wir der Abstumpfung entgegen.“

Das nächste Kamingespräch findet am 23. Juni auf der Schallaburg statt. Susanne Heine, Paul Zulehner und Amani Abuzahra werden dort über den interreligiösen Dialog sprechen.

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ISSN 2222-2464