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GefängnisseelsorgerInnen kritisieren gesellschaftliches Streben nach „totaler Versicherung“

Matthias Geist: Art der Sanktionen überdenken – Internationale Tagung fordert mehr „menschliche Betreuung“ im Strafvollzug

Wien/Luzern, (epd Ö) – Gegen die „weit verbreitete Ansicht, man könne in der Gesellschaft eine totale ‚Versicherung‘ erreichen“ hat sich eine internationale Fortbildungstagung der Gefängnisseelsorgerinnen und Gefängnisseelsorger ausgesprochen. Wie der Wiener evangelische Gefängnisseelsorger Pfarrer Matthias Geist gegenüber epd Ö von der Tagung berichtete, kritisierten die mehr als 70 GefängnisseelsorgerInnen der drei Alpenländer Österreich, Bayern und Schweiz, die sich vom 21. bis 25. Juni in Luzern trafen, ein solches Sicherheitsstreben führe dazu, „dass auch im Strafvollzug das Heil primär in technischer Ausrüstung gesucht wird und die menschliche Betreuung darunter leidet“.
Zugleich stellte die Tagung mit dem Titel „dem Widersinnigen begegnen“ eine gesellschaftliche Tendenz fest, „Seelsorge durch psychologische Beratung und Therapie zu ersetzen“. Dazu Geist: „Aus Sicht der SeelsorgerInnen aber haben das psychologische und das seelsorgerliche Gespräch einen deutlich anderen Ansatzpunkt.“
Häufige Verletzung der Unschuldsvermutung
Geist verwies auch auf ein Communiqué der Tagung, in dem es zum Beitrag der Kirchen zu mehr Menschlichkeit im Strafvollzug heißt: „Wir fordern Kirche und Gesellschaft dazu auf, den Strafgedanken im Allgemeinen und die Art der Sanktionen im Speziellen immer wieder neu zu überdenken, zu hinterfragen und – wenn möglich – durch adäquate Formen gesell-schaftlicher Reaktionen (…) zu ersetzen.“ Auch die Wahrnehmung des Strafvollzugs in den Medien wird in dem Communiqué angesprochen: „Die mediale Berichterstattung verletzt häufig die Unschuldsvermutung von Beschuldigten und gibt diese der Öffentlichkeit preis. Wir fordern die Medien dazu auf, ihre Verantwortung gegenüber allen Gefangenen sorgsamer wahrzunehmen.“

ISSN 2222-2464