Gedenkstein auf Wiener jüdischem Friedhof enthüllt

An die 800 Christen oder Konfessionslose mussten in NS-Zeit auf jüdischem Friedhof beigesetzt werden

Wien, 12. November 2003 (epd Ö) Ein lebendiges Zeichen des „christlich-jüdischen Dialogs“ ist am Dienstag, 11. November, im jüdischen Teil des Zentralfriedhofes gesetzt worden. Am Tor 4 wurde ein Gedenkstein enthüllt, der jenen Menschen gewidmet ist, die nach den NS-Gesetzen als Juden galten, jedoch nicht der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörten. Sie mussten auf jüdischen Friedhöfen beigesetzt werden. Dem Festakt wohnten u.a. Oberrabbiner Chaim Eisenberg, Kardinal Christoph Schönborn und der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm bei.

Kardinal Franz König betonte in seiner Grußbotschaft, die bei der Zeremonie verlesen wurde, das „namenlose Elend“, das vom NS-Regime mit seiner Rassenlehre über die jüdischen Menschen gebracht wurde. Der Gedenkstein sei ein „Zeichen der Betroffenheit und der Verbundenheit mit den Opfern“, so der Wiener Alterzbischof.

Angesichts der gemeinsamen Verfolgung von Juden und Christen könnten Grenzen beiseite gerückt werden, wie es jetzt mit dem Gedenkstein für Christen auf einem jüdischen Friedhof geschehe, sagte Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg. Zuvor hatte der Oberrabbiner den Psalm 10 auf hebräisch rezitiert, Bischof Sturm rezitierte ihn auf deutsch.

Auf die Steine, die nach jüdischem Brauch in den letzten Tagen an dem Gedenkstein niedergelegt wurden, verwies der Historiker em. Prof. Gerald Stourzh. Diese von gläubigen jüdischen Besuchern des Friedhofs niedergelegten Steine seien ein Hinweis darauf, dass das Gedenken alle religiösen Trennungen überschreite und auch alle jene Opfer der Shoah einschließe, die nirgends begraben wurden. Der Historiker dankte allen, die das Projekt unterstützt haben, insbesondere den Kardinälen Franz König und Christoph Schönborn, aber auch der Evangelischen Kirche, dem „Nationalfonds der Republik“ und dem Kulturamt der Stadt Wien. Die Initiative dafür ging vom Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit aus.

Wer auf Grund der „Nürnberger Gesetze“ als Jude galt, musste, so wollten es die Nationalsozialisten, – auch wenn sie christlich getauft oder konfessionslos waren, – ab Oktober 1941 auf jüdischen Friedhöfen begraben werden. Auch die Beisetzung in den eigenen Familiengräbern wurde verboten. Bis Kriegsende wurden an die 800 Personen, die zu vier Fünftel christlich und zu einem Fünftel konfessionslos waren, auf dem jüdischen Friedhof (Tor 4 des Wiener Zentralfriedhofs) beigesetzt. 20 Prozent davon haben ihrem Leben selbst – aus Angst vor den drohenden Deportationen – ein Ende gesetzt.

Nun wurde nach jahrzehntelangem Verfall vor allem in der Gruppe 18 K mit Sanierungen begonnen, die heuer abgeschlossen werden konnten. Und genau in dieser Gruppe wurde der Gedenkstein enthüllt. Neben dem Gedenkstein sind auf einer Totentafel die Namen aller zwischen 1941 und 1945 hier bestatteten Verstorbenen aufgezeichnet.

ISSN 2222-2464