Gedenken an vertriebene Zillertaler Protestanten

Ein Gedenkstein unterhalb der Schrofenkapelle in Burgstall erinnert an die Vertreibung der Zillertaler Protestanten vor 175 Jahren (Foto: Helmut Hiden)
Ein Gedenkstein unterhalb der Schrofenkapelle in Burgstall erinnert an die Vertreibung der Zillertaler Protestanten vor 175 Jahren (Foto: Helmut Hiden)

Müller: „Menschen Mut machen, zu ihrem Glauben zu stehen“

Zillertal (epdÖ) – Vor 175 Jahren wurden 427 Männer, Frauen und Kinder aus dem Zillertal ausgewiesen, weil sie am evangelischen Glauben festhielten. Mit der Enthüllung eines Gedenksteins und einem umfangreichen Rahmenprogramm erinnerten das Zillertal und das offizielle Tirol zu Pfingsten an dieses historische Ereignis, zu dem rund 100 Nachfahren der vertriebenen Zillertaler Protestanten aus aller Welt eigens angereist waren.

In Schwendau im Tiroler Zillertal wurde am Samstag, 26. Mai, in einem ökumenischen Akt ein Gedenkstein an die 1837 aus ihrer Heimat vertriebenen Zillertaler Protestanten enthüllt. „In einer Zeit, in der viele Menschen nach Sinn suchen, ist es gut, daran zu erinnern, worin unsere Vorfahren Sinn gefunden haben, und zu welchen Entscheidungen sie in der Folge gezwungen waren: Glaube oder Heimat“, sagte die Superintendentin der evangelischen Diözese Salzburg und Tirol, Luise Müller. Dabei gehe es aber nicht darum, jetzt Verfehlungen kleinlich aufzurechnen, sondern darum, Menschen Mut zu machen, zu ihrem Glauben zu stehen und mit ihm die Welt zu gestalten sowie den Weg der Versöhnung zu gehen.

Bischof Michael Bünker ging in seiner Ansprache auf den Gedanken der Versöhnung ein und betonte, dass diese immer die Wahrheit brauche. Die Wahrheit wiederum sei eine Brücke zwischen Versöhnung und Gerechtigkeit. „Es kann keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit geben“, so Bischof Bünker. Bei den katholischen Geschwistern bedankte sich Bünker für die Teilnahme an den Feierlichkeiten und für die Vergebungsbitten, die römisch-katholische Bischöfe und Erzbischöfe seit den 1960er Jahren immer wieder ausgesprochen hätten. Dies habe „neue Wege der Versöhnung eröffnet“. Den Vertriebenen könne man heute nur gerecht werden, wenn man sich dafür einsetze, dass „niemand mehr aus religiösen, rassistischen, politischen oder sozialen Gründen vertrieben werden kann“. Bünker rief dazu auf, sich gemeinsam dafür stark zu machen, dass Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende in Europa menschenwürdig aufgenommen werden.

„Der Grund für unser Gedenken ist für die Katholiken keine Siegergeschichte, sondern eine Geschichte der Reinigung des Gedächtnisses“, sagte der Innsbrucker römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer. Die Geschichte brauche diese Reinigung, damit das Reich Gottes nicht mit Füßen getreten werde.

Der Gedenkstein steht unterhalb der Schrofenkapelle in Burgstall, einem Ortsteil von Schwendau. Den Höhepunkt der Gedenkfeier bildete ein ökumenischer Gottesdienst in der Pfarrkirche von Mayrhofen, an dem neben Müller, Bünker und Scheuer auch Salzburgs Erzbischof Alois Kothgasser teilnahm. Bischof Scheuer nahm in seiner Predigt Bezug auf ein Gemälde von Mathias Schmid (1835-1923), das die Zillertaler auf ihrem Weg aus ihrer Heimat zeigt. Bischof Bünker verwies darauf, dass das Gedenken an die Vertreibung der Protestanten aus dem Zillertal ein Auftrag für die Zukunft sei, „miteinander für das Recht auf Religionsfreiheit und für Menschenrechte einzutreten“. In diesem Sinne könne Mayrhofen als ein „europäischer Erinnerungsort“ gelten, so Bünker.

Vor 175 Jahren, zwischen dem 31. August und dem 4. September 1837, mussten 427 Männer, Frauen und Kinder das Zillertal verlassen, weil sie sich zum Protestantismus bekannten. Zuvor war ihnen die Gründung einer evangelischen Gemeinde von Kaiser Franz I. im Jahr 1834 verweigert worden. Ferdinand I. schließlich verwies die Zillertaler Protestanten des Landes. Diese wanderten in vier Gruppen aus. Elf von ihnen nach Kärnten und in die Steiermark, die anderen nach Schlesien im heutigen Polen, wo sie sich in Erdmannsdorf niederließen. Dort hatte ihnen König Friedrich Wilhelm III. im Gebiet des Riesengebirges Land zur Verfügung gestellt. Später wanderten einige von den Zillertalern nach Chile aus. Heute leben im Zillertal 198 evangelische Christen.

Der neu enthüllte Gedenkstein trägt ein Buch aus Metall, in dem folgender Text eingraviert ist: „Im Jahre 1837 mussten aufgrund ihres evangelischen Glaubens 427 Männer, Frauen und Kinder ihre Heimat, das Zillertal, verlassen. Sie siedelten sich im schlesischen Erdmannsdorf an (heute Polen). Heute bekennen wir Christen, dass wir im Glauben an den einen Gott, verbunden durch die eine Taufe, im Vertrauen auf den Heiligen Geist gemeinsam den Weg der Versöhnung gehen. Pfingsten 2012, 175 Jahre nach der Vertreibung der Evangelischen aus dem Zillertal.“

Bereits am Freitag hatte der Bürgermeister von Mayrhofen, Günter Fankhauser, im Europahaus die Ausstellung „175 Jahre Zillertaler Auswanderung“ eröffnet. Anschließend folgte ein Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen der Nachfahren, Gäste und Einheimischen. An die 100 Nachfahren waren der Einladung gefolgt. Am Samstag stand der Festakt zur Einweihung des Denkmals für die Ausgewanderten am Dorfplatz in Ramsau und Winklhäusl auf dem Programm, anschließend folgte in Schwendau die Enthüllung des Gedenksteins und der ökumenische Festgottesdienst in der Pfarrkirche Mayrhofen. Den Festvortrag am Samstagabend hielt Landtagspräsident Herwig van Staa. Der Sonntag war geprägt vom Gottesdienst und der Erinnerung an die Grundsteinlegung der Evangelischen Erlöserkirche vor 50 Jahren in Jenbach.

ISSN 2222-2464