Gedenken an Novemberpogrome: Solidarität gebietet Erinnern

Im Anschluss an den Gottesdienst fand ein Schweigemarsch zum Judenplatz (im Bild) statt. Foto: epd/Uschmann
Im Anschluss an den Gottesdienst fand ein Schweigemarsch zum Judenplatz (im Bild) statt. Foto: epd/Uschmann

Ökumenischer Gottesdienst zum 74. Jahrestag der Novemberpogrome

Wien (epdÖ) – „Erinnern umfasst Handeln, Sprechen und Denken zugleich“: Das betonte der Schweizer Jesuiten-Provinizial Christian Rutishauser am Freitag, 9. November, beim ökumenischen Gottesdienst anlässlich des 74. Jahrestages der Novemberpogrome 1938. Die Feier in der Wiener Ruprechtskirche, die im Rahmen der Bedenkwoche „Mechaye Hametim“ stattfand, wurde vom Rektor der Kirche Gernot Wisser und der evangelischen Hochschulpfarrerin Gerda Pfandl gestaltet. Im Anschluss fand ein Schweigegang zum Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa auf dem Judenplatz statt.

Erinnern ist laut Rutishauser nicht wertneutral, wozu er auf die „Ethik der Erinnerung“ des israelischen Philosophen Avishai Margalit verweist. Demnach ist der Augenzeuge zuerst in die Pflicht genommen, da das selbst Erlebte auch einen Imperativ beinhalte. Während der Mensch gern an gute Geschehnisse zurückdenkt, müsse auch erlittenes Leid bedacht werden, so der Jesuit. Während Augenzeugen oft nicht selbst zwischen Zurückdenken oder Vergessen entscheiden können, sei dieser Akt bei jenen, die Geschichte nicht selbst miterlebt hätten, ein „freier Entscheid“. So liege es besonders an den Nachgeborenen, an die Schrecken der Shoah zu denken. „Für uns kommt der Imperativ zu erinnern aus der Solidarität.“ Voraussetzung für die Ethik der Erinnerung sei die Empathie.

Schlimmes Schuldverdrängen und Schweigen

Man erschrecke beim Zurückdenken an „Unrecht, Hass, Unbarmherzigkeit und Brutalität, die jüdische Menschen erlitten haben“, erklärte die evangelische Pfarrerin Gerda Pfandl. Sie stellte die Frage, wie Menschen zu solchen Unmenschen werden konnten. Genauso schlimm seien für sie die Ausflüchte, die nach dem Krieg von eben diesen Menschen verwendet wurden und das „Verdrängen der Schuld“. Pfandl erinnerte auch an die Schuld der Kirchen, die damals geschwiegen haben. Rektor Gernot Wisser forderte ein Denken daran, was das „Verdrängen und Vergessen“ anrichten können. Es gehe bei dem Gedenkgottesdienst um ein „richtiges, christliches Gedenken“. Man dürfe nicht vergessen, was Menschen anderen Menschen angetan haben.

42 jüdische Einrichtungen Wiens zerstört

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden allein in Wien 42 jüdische Einrichtungen und das damit einhergehende jüdische religiöse Leben durch brutale Gewalt und Brandstiftung vernichtet. Die Feuerwehr griff nur dann ein, wenn umliegende Gebäude in Gefahr waren. Die nationalsozialistische Verwaltung kümmerte sich anschließend um die Sicherstellung der Ritualgegenstände und den gewinnbringenden Verkauf noch verwertbarer Gebäudereste. Im April 1939 hieß es in einem Schreiben des Reichsstatthalters an den Bürgermeister, dass die „jüdischen Kultusvereinigungen“ selbst für die Beseitigung der Ruinen verantwortlich seien.

ISSN 2222-2464