Gedenk-„Stolpersteine“ vor dem Neunkirchner Pfarrhaus

Der Künstler Gunter Demnig verlegt die beiden Stolpersteine vor dem evangelischen Pfarrhaus in Neunkirchen. Im Hintergrund Traude Bibring (Mitte), Nichte der ehemaligen Hausbesitzer.
Der Künstler Gunter Demnig verlegt die beiden Stolpersteine vor dem evangelischen Pfarrhaus in Neunkirchen. Im Hintergrund Traude Bibring (Mitte), Nichte der ehemaligen Hausbesitzer.

Bünker: Sich der Verantwortung für die Zukunft bewusst sein ohne die Vergangenheit zu verdrängen

Neunkirchen (epdÖ) – Mit zwei so genannten Stolpersteinen, verlegt durch den deutschen Künstler Gunter Demnig, gedenken die evangelische Pfarrgemeinde Neunkirchen sowie die Stadtgemeinde der ehemaligen jüdischen BewohnerInnen des Pfarrhauses in der Stockhammergasse 15. Die beiden Steine mit der Inschrift „Hier wohnte Ignaz Reininger, Jahrgang 1880, deportiert nach Izbica am 15.5.1942“ und „Hier wohnte Helene Reininger, geborene Karpel, Jahrgang 1886, deportiert nach Izbica am 15.5.1942“ wurden in den Boden vor dem Haupteingang des Pfarrhauses im Rahmen eines Festaktes in Anwesenheit der 91-jährigen Nichte Trude Bibring am 5. Juli durch den Künstler eingelassen.

In seiner Ansprache betonte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker die hohe Bedeutung des Erinnerns im Judentum. „Das Gedenken ist dem Judentum tief eingepflanzt. Die Frömmigkeit, der Glaube ist davon durchdrungen“, erklärte Bünker. Aber auch für Europa sei das Gedenken wichtig, da es ohne dieses keine Zukunft gäbe. Der Kontinent Europa sei aus Schmerzen geboren, Aktionen wie diese würden zeigen, dass die Kirche sich der Verantwortung für die Zukunft bewusst sei, ohne die Vergangenheit zu verdrängen. „Ich denke, die Namen sind auch ein Auftrag: dass wir uns dafür einsetzen, dass die Würde und die Rechte aller Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Glauben, ihrer politischen Einstellung und kulturellen Zugehörigkeit zu achten sind und dass wir ein Europa auf dieser Grundlage wollen, ein Österreich, ein Neunkirchen“, so Bünker. Dies gelte gerade auch für die Evangelische Kirche in Österreich, die während der Zeit des Nationalsozialismus mitschuldig an den Verbrechen des Regimes geworden sei. „Wir sind eben nicht dem Rad in die Speichen gefallen“, zitierte der Bischof den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, daran erinnerte Neunkirchens Vizebürgermeister Martin Fasan die anwesenden Gäste und bedankte sich bei allen, die zum Zustandekommen der „Stolpersteine“ ihren Beitrag geleistet haben. Mit einem Gebet und einer Lesung des 69. Psalms in der Übertragung von Alisia Stadler wandte sich Pfarrer Ernst Hofhansl an die Anwesenden.

Beim Empfang im Rathaus für Trude Bibring betonte Bürgermeister Herbert Osterbauer, dass man die Geschichte nicht auslöschen solle, da sie Teil unseres Lebens sei. Es sei eine „rührende Gelegenheit, unter diesen Umständen zurück nach Neunkirchen zu kommen“, sagte Bibring, die auf Einladung von Bischof Michael Bünker aus Israel nach Österreich kam, um bei diesem Akt dabei zu sein.

Das Wohnhaus des Ehepaars Reininger wurde 1938 weit unter Wert an die evangelische Pfarrgemeinde verkauft, das Geld kam auf ein Sperrkonto. Familie Reininger konnte über das Vermögen nicht frei verfügen. 2002 wandte sich der Anwalt von Trude Bibring an die Evangelische Kirche, im vergangenen Jahr kam es schließlich zu einer angemessenen Zahlung an die Erbin der Familie Ignaz und Helene Reininger durch die Kirche.

„Stolpersteine“ ist ein Projekt von Gunter Demnig, das die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas, der Euthanasieopfer und anderer im Nationalsozialismus lebendig halten soll.

Die Feierlichkeit wurde vom 1. Neunkirchner Musikverein musikalisch umrahmt.

ISSN 2222-2464