„gangstergirls“: Bühne hinter Gittern

Wien (epd Ö) Die Welt hinter Gittern zeigt der Film „gangstergirls“, der am Freitag, 27. März, in österreichischen Kinos startet. Schon am Montagabend hatte die Evangelische Akademie Wien zur Vorabvorführung in das Filmhaus am Spittelberg geladen. Unter der Moderation von Waltraut Kovacic diskutierten im Anschluss Filmemacherin Tina Leisch und Assistentin Sandra Selimovic, Darstellerin Sammy Kovac, Thomas Neuwirt vom Verein „Neustart“ und der Wiener Gefangenenseelsorger Matthias Geist.

Für sie zähle nur die Person, der Charakter, nicht, „warum eine hier ist, egal, auch wenn sie 50 Leute umgebracht hat“, erzählt eine Haftinsassin im Film von Tina Leisch. Darin blickt die Regisseurin hinter die Mauern der niederösterreichischen Strafanstalt Schwarzau und porträtiert die Charaktere von Gefangenen mitten im Alltag des Frauengefängnisses. Entstanden ist der Film aus einem erfolgreichen Theaterprojekt mit Strafgefangenen, das Leisch nicht nur in der Schwarzau durchführen konnte. Die eineinhalbjährige koedukative Theaterarbeit, an der sich auch Burschen aus der Strafanstalt Gerasdorf beteiligen konnten, wurde mit der Kamera begleitet – unter überraschend wenig Einschränkungen, betont Leisch. Generell verdanke sie das Zustandekommen des Films „vor allem der Ära der Justizministerin Berger“. Als Therapie will Sandra Selimovic ihre Arbeit nicht verstanden wissen, vielmehr gehe es darum, die Person hervorzuholen. Im Theater konnten Szenen des Alltags improvisiert werden, hinter der Maske der stark geschminkten Darstellerinnen „lässt sich auch vieles leichter sagen als direkt in die Kamera“. Entstanden sei dabei, so Leisch, ein wichtiger „Freiraum“ ohne die Reglements der Justiz und der Subkultur im Gefängnis. So konnten die Frauen „Facetten von sich selbst zeigen“ und sich dabei gleichzeitig hinter der Maske verstecken.

Resozialisieren statt Wegsperren

Als „realistisch und auch wieder nicht“ wirkte der Film auf die inzwischen aus der Haft entlassene Sammy Kovac. In der Haft habe sie eine Lehrausbildung abschließen können, dennoch sei der Weg zurück in die Freiheit äußerst schwierig. „Die Gesellschaft reagiert mit Hürden“, berichtete Thomas Neuwirt, dessen Verein „Neustart“ Haftentlassene bei der Resozialisierung begleitet. Beeindruckt vom Film zeigte sich der Wiener evangelische Gefangenenseelsorger Matthias Geist. Der Film dokumentiere, „wie vielfältig Menschen in der Haft sein können“. Durch die Theater- und Filmarbeit konnte die „entsinnlichte Welt des Gefängnisses aufgebrochen“ werden. Der Seelsorger wies darauf hin, dass sich die Zeit der Haft auch für die Angehörigen besonders belastend darstelle, zumal sie keine Rechte hätten und es schwer sei, den Kontakt zu halten.

Die Regisseurin Tina Leisch versteht den Film als starkes Plädoyer für einen Strafvollzug, in dem das Resozialisieren stärker wiegt als das Wegsperren. Viele würden als Gefangene „erst richtig kriminell“, ergänzt Sandra Selimovic, „im Gefängnis beginnt eine Gewaltspirale“. Matthias Geist hält die Vision einer „gefängnislosen Gesellschaft für möglich“. Ressourcen könnten besser für die Betreuung der Inhaftierten eingesetzt werden, wenn nicht – was im Film deutlich herauskommt – für oft kleine Delikte lange Haftstrafen verhängt würden und die Gefängnisse dadurch überbelegt seien.

ISSN 2222-2464