Für Gerechtigkeit und Heilung der Welt

Interreligiöse Podiumsdiskussion suchte Antworten auf die Herausforderung der Globalisierung

Wien (epd Ö) – „Glaube und Globalisierung – Können die Religionen Wege aus den wirtschaftlichen Sackgassen zeigen?“ war das Thema einer interreligiösen Podiumsdiskussion, die am 15. November 2007 im Alten Wiener Rathaus in der Reihe „Religionen im Brennpunkt“ stattfand. Unter der Leitung des Ö1-Moderators Udo Bachmair suchten ReligionsvertreterInnen Antworten auf die Herausforderung des Phänomens „Globalisierung“ in den jeweiligen religiösen Traditionen.

 

Der Wirtschaftsanwalt, jahrelange Zen-Priester und Leiter eines buddhistischen Meditationszentrums in Wien, Dr. Theo Strohal, stellte fest, dass durch die Globalisierung der einzelne Mensch in den Hintergrund rückt. Das Kapital werde immer mehr zu einem bestimmenden Faktor der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Durch die globalisierte Informationsgesellschaft werde andererseits auch Unwissenheit beseitigt, und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen nehme zu. Eine religiöse Grundfrage sei, so Strohal, wie der einzelne Mensch Störungen im ungerechten System hervorrufen könne.

 

Leslie Bergman, Vizepräsident der World Union for Progressive Judaism, sieht in der Globalisierung positives Potenzial. Dennoch müssten die Gewinne der wirtschaftlichen Akteure gerecht verteilt werden. Bergman stellte die religiösen Begriffe des Judentums Tora (Weisung Gottes), Gerechtigkeit und Heilung der Welt in das Zentrum seines Beitrages und verwies auf die lange Tradition in der Armutsbekämpfung im Judentum.

 

Die Vertreterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft Mag. Gülmihri Aytac kritisierte, dass von der zunehmenden Mobilität, dem technischen Fortschritt und dem Wohlstand weltweit nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung profitiere. Sie forderte, dass nicht der Mensch für die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft für die Bedürfnisse des Menschen da sein sollte. Das Menschenbild eines „homo ethicus“ sollte den „homo oeconomicus“ ablösen. Die wirtschaftlichen Gewinne der Großunternehmen sollten den Menschen in den produzierenden Ländern zugute kommen. Aytac schlug vor, das islamische Gebot einer sozialen Pflichtabgabe in die Charta der Menschenrechte aufzunehmen.

 

Als wichtige Aufgabe der Religionen betrachtete es der Vertreter der Hindu-Gemeinschaft Dr. Bimal Kundu, die spirituelle Komponente in die Diskussion einzubringen. Wirtschaftliche Gerechtigkeit könne nur durch gegenseitigen Respekt erzielt werden, und dafür sei ein globaler Bewusstseinswandel nötig.

 

Bubik: Spürbare Einschnitte in den europäischen Lebensstil

 

Nach Auffassung von Mag. Michael Bubik vom Evangelischen Hilfswerk wird der durchschnittliche europäische Lebensstandard weltweit niemals für alle Menschen erreichbar sein. Konsequenterweise bedeute Teilen somit spürbare Einschnitte in unseren gewohnten Lebensstil. Bubik forderte, ChristInnen sollten lernen, selbst global zu denken und auf die Stimmen der Armen zu hören. Die Kirchen könnten die Welt nicht selbst retten, aber konkrete Schritte von der Politik einfordern.

 

Die Unterscheidung zwischen Globalismus und Globalisierung führte die katholische Sozialethikerin Pof. Dr. Ingeborg Gabriel in die Debatte ein. Gabriel fordert politische Entscheidungen zur Regulierung der Märkte. Dafür müssten globale Institutionen geschaffen werden, um entsprechende Steuerungsmaßnahmen wie die Tobin-Tax durchsetzen zu können.

 

Einig waren sich alle DiskussionsteilnehmerInnen darin, dass der Faktor Bildung für eine positive Rolle der Religionen wesentlich sei. Bildung stärke die geforderte Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft und könne als Medizin gegen jede Form von Fundamentalismus bezeichnet werden.

 

Eine interreligiöse Podiumsdiskussion mit VertreterInnen der großen Religionsgemein-schaften fand in der Reihe „Religionen im Brennpunkt“ bereits zum fünften Mal statt. Die Reihe ist eine Veranstaltung der „Plattform für interreligiöse Begegnung“ (PFIRB) mit Unterstützung der Evangelischen Akademie Wien und wird gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschungsförderung.

ISSN 2222-2464