Friedliche Lichterketten in Wien und Graz für mehr Zivilcourage

19Superintendent Miklas: Dammbruch in der Kultur des Zusammenlebens

Wien/Graz (epd Ö) – Für Zivilcourage, kulturelle Vielfalt und Menschenwürde sind am Donnerstagabend, 18. Juni, in Wien und Graz insgesamt über 4100 Menschen auf die Straße gegangen. In Wien hatten über 3500 Menschen eine Lichterkette um das Parlament gebildet. Weil weder Veranstalter noch Behörden einen derartigen Ansturm erwartet hatten, musste kurzfristig die Ringstraße gesperrt werden. Rund 600 Menschen nahmen in Graz an einem Lichtermarsch mit Lesungen und Ansprachen vom Hauptbahnhof bis zum Mariahilferplatz teil.

Unterstützt wurde die Grazer Veranstaltung vom Ökumenischen Forum christlicher Kirchen in der Steiermark, von der evangelischen Superintendenz und der evangelischen Jugend Steiermark. Als Vertreter des Ökumenischen Forums forderte der steirische Superintendent Hermann Miklas einen „respektvollen Umgang“. Die Grenze zwischen einem respektvollen und einem respektlosen Umgang sei „ganz fein – und trotzdem trennt sie Welten“. Den respektvollen Umgang von Menschen untereinander – „jahrzehntelang selbstverständlicher Grundkonsens in unserer Gesellschaft“ scheine es plötzlich nicht mehr zu geben. „Respekt verdienen Menschen nicht deshalb, weil sie fehlerfrei wären, sondern weil sie Menschen sind – Menschen wie du und ich, mit all ihren Schwächen und Stärken“, betonte der Superintendent. Aus lauter Angst, selbst zu kurz zu kommen, „schießt man sich auf die ein, die einem in irgendeiner Weise in die Quere geraten könnten“. Miklas: „Sicher fühlen sich viele fast nur noch im Rudel von Gleichgesinnten.“ Menschen anderer Rasse, anderer Nation oder Religion würden als „potentiell bedrohlich“ erlebt, moralisch fühle man sich dabei sogar noch im Recht, weil man „sich selbst ja in der Opferrolle wähnt“. Angesichts dieser Situation brauche es dringend eine „Neudefinition der gesellschaftlichen Identität“. Jene „Hintermänner und -frauen“ aber, die solche Ängste auch noch schürten und politisch oder religiös instrumentalisierten, „provozieren damit einen Dammbruch in der Kultur des Zusammenlebens“. Miklas: „Egal, aus welcher Ecke sie kommen – gehen wir ihnen nicht auf den Leim!“
„Wir wollten ein Zeichen setzen. Hetze, Diskriminierung und Ausgrenzung sind nicht normal“, erklärten die Organisatorinnen der Wiener Lichterkette, Maria Sofaly und Romy Grasgruber. Die Wut habe sich vor allem gegen die „Hetze“ der FPÖ im EU-Wahlkampf, aber auch gegen den Rechtsruck in Österreich allgemein gerichtet.
Einer der Organisatoren des Grazer Protests, der steirische Karikaturist und Comic-Zeichner Jörg Vogeltanz, meinte: „Wenn man uns auch als ‚Kerzerlmarschierer‘ bezeichnet, so wissen wir, wir lösen keine Revolutionen aus, wir wollen das auch gar nicht, aber wir treten gegen die Verblödung der politischen Kultur durch alle Fraktionen auf. Wir beziehen Stellung.“ Weiters meinte Vogeltanz: „Migrationen sind eine Tatsache, Monokulturen sind nicht nur im Pflanzenreich schädlich. Wir müssen längst fällige Anpassungen durchsetzen.“

ISSN 2222-2464