Freundschaften wechseln – Geschwister bleiben

"Sie kennen uns wie kein anderer, weil wir zusammen gespielt, uns getröstet und geholfen haben. Weil wir uns aneinander gemessen, uns gegeneinander ausgespielt, verpetzt und verletzt haben. Weil wir aneinander gewachsen sind." Foto: pexels
"Sie kennen uns wie kein anderer, weil wir zusammen gespielt, uns getröstet und geholfen haben. Weil wir uns aneinander gemessen, uns gegeneinander ausgespielt, verpetzt und verletzt haben. Weil wir aneinander gewachsen sind." Foto: pexels

Julia Schnizlein über eine Beziehung, die nicht endet

Die Zeit nach den Weihnachtsferien ist für mich immer auch eine Zeit der Wehmut. Egal wie anstrengend der Dezember auch war mit all seinen Weihnachtsvorbereitungen, den Weihnachtsfeiern, den Reibereien unterm Christbaum, dem Jahresabschluss in der Arbeit… es ist trotzdem schade, wenn all das vorbei ist. Die Vorfreude. Die Fixpunkte. Und vor allem das Zusammensein mit der ganzen Familie. Je älter ich werde, desto mehr vermisse ich meine Familie. Vor allem meine Geschwister, die ich auf Grund der räumlichen Distanz nur noch einmal im Jahr sehe.

Geschwister – sie sind die Menschen, die uns vermutlich die längste Zeit unseres Lebens begleiten. Sie kannten uns lange bevor wir zu den Menschen wurden, die wir heute sind. Bevor wir zu arbeiten begonnen, bevor wir unsere Partner gefunden haben und zu Müttern, Vätern oder Großeltern geworden sind. Sie kennen uns wie kein anderer, weil wir zusammen gespielt, uns getröstet und geholfen haben. Weil wir uns aneinander gemessen, uns gegeneinander ausgespielt, verpetzt und verletzt haben. Weil wir aneinander gewachsen sind.

„Freundschaften wechseln, Liebhaber auch. Geschwister bleiben für immer!“, sagt man. Aber natürlich gibt es Zeiten im Leben vieler Geschwister, da scheint das nicht mehr zu gelten. Da verliert man sich aus den Augen. Da haben Brüder und Schwestern nur noch sporadisch Kontakt, weil Wohnorte, Interessen, Partner oder Beruf sie entzweien.

Wie kompliziert Geschwisterkonstellationen sein können, davon erzählt schon die Bibel. Sie erzählt von schönen Beziehungen aber auch von bitteren. Von Liebe und Hass, Bevorzugung und Vernachlässigung, Aufopferung und Totschlag. Vielleicht lesen Sie einmal nach und finden sich selbst dort wieder in den Geschichten von Jakob und Esau, Lea und Rahel, Mirjam, Mose und Aaron oder Kain und Abel.

Aber egal, wie kompliziert das Verhältnis zu den Geschwistern auch ist, wie fremd man sich ist – die Beziehung endet trotzdem nicht. Weil man sich von Geschwistern eben nicht scheiden lassen kann. Weil das Band der gemeinsamen Kindheit unterschwellig fortwirkt, auch wenn kein Kontakt mehr besteht.

Viele Menschen erzählen, dass ihre Geschwisterbeziehungen im Alter wieder enger werden. Vor allem dann, wenn die Eltern pflegebedürftig werden oder sterben. Dann sind die Geschwister die letzten gemeinsamen Zeugen jener Erinnerungen, jener Kinderjahre, die uns zeitlebens prägen. Mit vertrauten Menschen alt zu werden, ist ein großer Schatz. Daher lohnt es sich, auf Geschwister zuzugehen und sie neu ins Leben zu integrieren, egal wie fern man sich zwischenzeitlich geworden ist. Wichtig ist es, Vorbehalte abzulegen und offen auf den anderen zuzugehen. Nicht immer müssen alte Rechnungen beglichen werden!

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ISSN 2222-2464