Fischer: Protestantische Kritik als Motor des Fortschritts

Evangelischer Empfang zum Reformationsfest in der Wiener Akademie der Wissenschaften – 40 Jahre Frauenordination

Wien, 27. Oktober 2005 (epd Ö) – Die Reformation steht am Beginn einer wissenschaftlichen Neuorientierung, weil sie die Kritik zum Motor des Fortschritts gemacht hat. Das erklärte Bundespräsident Dr. Heinz Fischer in seiner Festrede beim Empfang zum Reformationsfest, zu dem die evangelischen Kirchen am Donnerstag in die Wiener Akademie der Wissenschaften geladen hatten. Zudem habe die Reformation, die „an der Wiege des Rationalismus“ stehe, die „Tendenz zu flachen Hierarchien“ hervorgebracht, sagte der Bundespräsident, der über den Beitrag des Protestantismus für das moderne Europa referierte.

Sturm: Zur europäischen Erweiterung geistliche Tiefe suchen

Dass die EU-Präsidentschaft Österreichs die Kirchen herausfordere, zur europäischen Erweiterung „eine geistliche Tiefe zu suchen und beizutragen“, unterstrich der lutherische Bischof Mag. Herwig Sturm vor den rund 300 Gästen aus Politik, Kirche und Ökumene. Die Frage einer gerechten Wirtschaft, der Würde von Jungen und Alten angesichts einer wachsenden Arbeitslosigkeit und die grundsätzlichen Fragen nach Sinn angesichts der Technisierung von Geburt und Tod sind für den Bischof zentrale Themen, denen sich die Kirchen zu stellen haben. Sturm: „Wir möchten diese unsere Welt ungeschminkt wahrnehmen, die Herausforderungen kompetent angehen und dies alles im geschwisterlichen Glauben, in geduldiger und fröhlicher Hoffnung und immer wieder in versöhnender und zukunfteröffnender Liebe tun.“

Gleichstellung von Frauen hat Kirche menschlicher gemacht

Der mittlerweile schon traditionelle Empfang zum Reformationsfest stand in diesem Jahr im Zeichen des Jubiläums „40 Jahre Frauenordination“. Als „kostbaren und nicht mehr wegzudenkenden Gewinn“ für beide evangelische Kirchen bezeichnete der reformierte Landessuperintendent Mag. Wolfram Neumann den Beitrag von Frauen im geistlichen Amt und dankte „all jenen, die damals nicht resigniert haben“. „Wir sind alle stolz, dass die Generalsynode vor 40 Jahren die Frauenordination beschlossen hat“, sagte die erste verheiratete Pfarrerin, Mag. Ulrike Frank-Schlamberger. Allerdings hätten Zugangshürden, wie die jahrzehntelange Bestimmung, dass Pfarrerinnen unverheiratet sein müssen, den wegweisenden Beschluss wirkungslos gemacht, bis es vor 25 Jahren zur völligen Gleichstellung kam. Frank-Schlamberger erinnerte an die Pionierinnen unter den Theologinnen wie etwa Charlotte Dantine oder Ilse Beyer, die erste Pfarrerin. Obwohl Frauen als Pfarrerinnen heute „selbstverständlich“ seien, kämen bei öffentlichen Anlässen nach wie vor wenige Frauen zu Wort, beim Anteil der Frauen in kirchlichen Leitungsämtern sei lange noch nicht die Hälfte erreicht. Dass die Gleichstellung die Wahrnehmung geschärft habe, unterstrich Pfarrerin Mag. Gisela Ebmer. So würden heute auch Männer stärker zu ihren Familien stehen, auf ihre Grenzen achten und ihre Privatsphäre schützen. Kirche sei insgesamt dadurch menschlicher geworden, ist die reformierte Pfarrerin überzeugt.

Verliehen wurde auf dem Reformationsfestempfang auch der Diakoniepreis 2005, den die Jury dem Evangelischen Kinderhaus der Diakonie Salzburg zusprach. Mit einem Anerkennungspreis wurde der Internationale Kinderverein „Projekt Tausendfüßler“ ausgezeichnet.

Den musikalischen Rahmen gestaltete in diesem Jahr das Oberwarter Bläserensemble Triffnix-Horns. Beim Buffet, das SchülerInnen der Höheren Bundeslehranstalt für Wirtschaft und Wellness in Oberwart vorbereitet hatten, gab es auch den Golser Jubiläumswein „40 Jahre Frauenordination“ zu verkosten.

ISSN 2222-2464