Fellinger: „Brauchen bessere Anerkennung vom Staat“

"Teil des Apparats, aber nicht Teil des Vollzugs": Gefängnisseelsorger unterschiedlicher Religionsgemeinschaften trafen sich in Wien zu einem Podiumsgespräch. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
„Teil des Apparats, aber nicht Teil des Vollzugs“: Gefängnisseelsorger unterschiedlicher Religionsgemeinschaften trafen sich in Wien zu einem Podiumsgespräch. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Podiumsgespräch zur Gefängnisseelsorge in Österreich

Wien (epdÖ) – Der Diversität in Gefängnissen widmete sich eine Podiumsdiskussion, die die Evangelische Akademie Wien am 28. September in Wien veranstaltete. Justizanstalten sind Orte, an denen unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen. Derzeit sind rund 9000 Personen in Österreich inhaftiert, Menschen aus unterschiedlichen Ländern, aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Religionen. Rund 25 verschiedene Religionen werden in den heimischen Gefängnissen gezählt. Eine Herausforderung, wie auch die eingeladenen Vertreter der Gefängnisseelsorge bestätigen können. Zwischen Berater in seelischen Nöten und Erfüller von kleinen Wünschen, zwischen Alltagsbewältigung im Gefängnis und Beziehungsproblemen außerhalb spiele sich der berufliche Alltag der Seelsorger ab.

„In meiner Arbeit geht es mir darum, die Würde des Menschen wieder aufzubauen, ihm dabei zu helfen“, erklärte der evangelische Gefängnisseelsorger Markus Fellinger. „Religiöse Praxis spielt im Gefängnis weniger eine Rolle. Für mich gilt: Der Mensch ist heilig. Die Würde des Menschen wiederherzustellen scheint mir ein Grundanliegen Jesu gewesen zu sein. Ein radikaler Humanismus war das jesuanische Anliegen.“ Als Theologiestudent habe sich Fellinger immer gewundert, dass mit so vielen juristischen Begriffen in der Theologie gearbeitet werde, erinnerte sich der Gefängnispfarrer. Heute habe er durch seine Arbeit dafür ein ganzes neues Verständnis gewonnen. „Die Arbeit im Gefängnis ist für mich angewandte evangelische Theologie, die angewandte Rechtfertigungslehre.“ Als Gefängnisseelsorger sieht Fellinger sich selbst in einer speziellen Position. Er sei Teil des Apparats, aber kein Teil des Vollzugs, daraus ergebe sich eine produktive Spannung. Grundsätzlich zeigte sich Fellinger überzeugt, dass das Konfessionelle in der Gefängnisseelsorge nicht mehr so stark betont werden sollte. Ausschlaggebend seien in erster Linie die Kompetenz des Seelsorgers sowie dessen Qualifikation. Hier solle es – ähnlich wie bei der Krankenhausseelsorge – eine standardisierte Ausbildung geben, nur diese solle darüber entscheiden, wer ins Gefängnis darf und wer nicht. „Das Entscheidende dabei ist und bleibt aber die Haltung. Deshalb muss etwa ein radikaler Verzicht auf Missionierung eine Norm der Gefängnisseelsorge sein“, betonte der Pfarrer. Grundsätzlich wünscht er sich seitens der Politik eine bessere Anerkennung der Arbeit der Gefängnisseelsorge. „In Deutschland kommt auf 300 Gefangene ein Seelsorger. Dafür ist in Deutschland die Rückfallquote geringer und die Gefängnisse sind nicht so überlastet wie in Österreich. Man darf das natürlich nicht monokausal sehen, aber das ist sicher auch eine Frucht der Gefängnisseelsorge.“

Das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen ist auch dem römisch-katholischen Gefängnisseelsorger Christian Kuhn ein wichtiges Anliegen. „Ein Zitat von Papst Franziskus gefällt mir in dem Zusammenhang besonders gut: ‚Man soll den Menschen dienen und nicht den Ideologien‘.“ Kuhn gehe es in seiner Arbeit darum, Menschen in der Not zu helfen, sie zu begleiten. Dies funktioniere auch, ohne dass man missionarisch aktiv sei. Er selbst sei in seiner Arbeit nicht nur für römisch-katholische Inhaftierte da, aber in erster Linie. „Hier braucht es die Balance.“ Die Gefangenen würden mit ganz unterschiedlichen Wünschen an ihn herantreten, vom Wunsch nach einer Zigarette bis hin zu religiösen Anfragen, wobei Ersteres überwiege, wie Kuhn schmunzelnd eingestand. „Auch hier ist wieder die Balance gefragt. Es ist nicht meine Aufgabe, mit einem Bauchladen durchs Gefängnis zu gehen und Dinge zu verteilen. Aber diese eine Zigarette kann zu einem tieferen Gespräch führen“, sagte Kuhn.

Als islamische Pflicht beschrieb Ramazan Demir seine Aufgabe als Gefängnisseelsorger. Gut zuhören zu können sei eine der wichtigsten Kompetenzen. „Es gibt Einzelbetreuungen, wo ich zu 99 Prozent nur zuhöre“, erzählte der ehrenamtliche Gefängnisseelsorger, der hauptberuflich als Gymnasiallehrer für Islamische Religion arbeitet. Daneben spiele aber auch das fachspezifische Wissen eine große Rolle. Gerade Information und Aufklärung junger Muslime werde zunehmend wichtiger angesichts wachsender Radikalisierung. „Seelsorge alleine kann aber die Entradikalisierung nicht leisten, da brauchen wir mehr Unterstützung vom Staat“, meinte Demir und kritisierte, dass muslimische Gefängnisseelsorger im Gegensatz zu christlichen keine finanzielle Unterstützung vom Staat erhielten. „Es gibt 1700 muslimische Gefangene. Diese entsprechend zu betreuen ist mit Ehrenamtlichen alleine nicht zu schaffen.“

Einen großen Bedarf an Seelsorge sieht auch Cătălin-Florin Soare von der Rumänisch-orthodoxen Kirche. „Mir geht es darum, den Menschen zu helfen, sie aufzurichten. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, sie von seelischem Ballast zu befreien, etwa durch gemeinsame Gebete oder das Feiern des Gottesdienstes.“ Orthodoxe Gefangene würden einen Priester der eigenen Kirche bevorzugen, da dieser sie besser verstehen könne als andere.

Thule Jug geht als buddhistischer Seelsorger in österreichische Haftanstalten. Es gebe nur wenige buddhistische Gefangene, sein Angebot richte sich auch an Gefangene anderer Religionen, die lernen wollen, ihr Inneres zu erforschen und mit ihren Emotionen klarzukommen. Neben Gesprächen stehe in erster Linie die gemeinsame Praxis, also das gemeinsame Meditieren, im Vordergrund seiner Tätigkeit.

Trotz einzelner Unterschiede würden alle Seelsorger hervorragend zusammenarbeiten, so der Grundtenor der Gäste in der Diskussion, die von Gerhard Pichler, Leiter der Strafvollzugsakademie, moderiert wurde. Auch die Zusammenarbeit mit der Justizwache laufe im Großen und Ganzen gut ab. Eine Frage, die in Zukunft immer wichtiger werde, ist jene nach der Betreuung der Konfessionslosen, waren sich alle einig. Deutliche Kritik übten die Seelsorger am so genannten Maßnahmenvollzug, einer Art „Haft mit open-end“. Hier gebe es dringend Reformbedarf. Zu viele Personen blieben nach Ende ihrer Haftstrafe weiter inhaftiert, ohne zu wissen, wann ihre Haftstrafe endet. Diese Perspektivlosigkeit sei für die Betroffenen kaum auszuhalten.

ISSN 2222-2464