Fasten schafft Raum

"Der Verzicht ist kein Selbstzweck. Das Ohne, die Unterbrechung der Routine soll vielmehr Raum schaffen für etwas Anderes. Aufmerksamkeit für Dinge, die in der Routine des Alltags untergehen." Foto: pexels
"Der Verzicht ist kein Selbstzweck. Das Ohne, die Unterbrechung der Routine soll vielmehr Raum schaffen für etwas Anderes. Aufmerksamkeit für Dinge, die in der Routine des Alltags untergehen." Foto: pexels

Maria Katharina Moser über eine Unterbrechung im Alltag

Den fünften Tag faste ich heute. Langsam gewöhne ich mich an den Verzicht. Langsam. In den ersten Fastentagen beschäftigt mich das Verzichten immer ziemlich. Das Verzichten auf Zucker, um genau zu sein. Ich lasse auch Alkohol und Fleisch weg, aber das fällt mir nicht schwer. Fleisch esse ich ohnedies nicht viel, und der Alkoholkonsum ist für festliche Anlässe reserviert und gehört nicht zu meinem Alltag. Aber die süßen Leckereien, die schon. Sie bauen sich in den ersten Tagen der Fastenzeit vor meinem inneren Auge auf – bis der innere Schweinehund aufgehört hat, „iss, iss“ zu bellen, und Körper und Seele gelernt haben: Es geht auch ohne.

Ich halte nicht viel davon, sich selbst zu kasteien. Aber beim Fasten soll man den Verzicht schon merken. Denn beim Fasten geht es darum, eine Zäsur im Alltag zu setzen. Routinen, denen wir gedankenlos folgen, zu unterbrechen. Und wenn wir gedankenlose Routinen unterbrechen, dann kommen sie uns zunächst so richtig zu Bewusstsein. Wir spüren das „Ohne“ – mitunter schmerzhaft. Aber das kann und soll nicht das Ziel des Fastens sein. Der Verzicht ist kein Selbstzweck. Das Ohne, die Unterbrechung der Routine soll vielmehr Raum schaffen für etwas Anderes. Aufmerksamkeit für Dinge, die in der Routine des Alltags untergehen. Die Bibel zeigt uns das sehr deutlich.

In biblischen Zeiten gehörte Fasten – zusammen mit Klagen, Weinen und sich in Sack und Asche kleiden – zu den Trauerriten. Der Trauernde unterbricht mit diesen Riten seinen Alltag. Das Trauerfasten schafft Raum für den Schmerz über Tod und Verlust, aber auch für Erinnerung, Mitgefühl und Solidarität. Leid und Tod werden nicht verdrängt, sondern Fasten verleiht der Trauer sichtbaren Ausdruck. Fasten schafft auch Raum für Gottesbegegnung: Mose fastete 40 Tage am Berg Sinai, wo er die Bundestafeln mit den zehn Geboten empfing: „Und er war allda bei dem Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte und aß kein Brot und trank kein Wasser. Und er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Worte.“ Nicht um sich bei Gott Gehör zu verschaffen, fastet Mose. Sondern das Fasten schafft Raum für die Begegnung mit Gott und seinem Wort – und dieses Wort, diese Beziehung nährt.

Noch bin ich bei meinem Zuckerfasten auf mich selbst und den Verzicht konzentriert – aber ich vertraue darauf: das Fasten wird neue Räume und Perspektiven eröffnen.

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ISSN 2222-2464