24.04.2020

Evangelischer Religionsunterricht in Zeiten von Corona

Lehrerinnen und Lehrer erzählen, wie sie die Krise meistern

Mit seiner eigenen Homepage will der Tiroler Religionslehrer Joe Karner rund 90 Schülerinnen und Schüler an über 40 Schulen erreichen. Foto: epd/Windisch

Lehrerinnen und Lehrer erzählen, wie sie die Krise meistern

Wien (epdÖ) – Briefe von einer Handpuppe? Instagram-Videos vom Lehrer? Eine eigene Homepage für den Unterricht? In der Coronakrise haben viele evangelische Religionslehrerinnen und -lehrer neue Ansätze entwickelt, um Kinder und Jugendliche zu erreichen, auch wenn die Schulen geschlossen bleiben. Der Evangelische Pressedienst für Österreich hat sich bei einigen von ihnen umgehört und einen kleinen Überblick zusammengestellt, wie Religionsunterricht auch im Krisenmodus funktionieren kann – von der Volks- bis an die Hochschule, von Tirol bis nach Niederösterreich.

Heidemarie Wagner: Briefe von Twuff

Bei Heidemarie Wagners Schülerinnen und Schülern ist es eine Handpuppe, die sie durch die Zeit der Coronakrise begleitet. Der gelbe Filzhund namens Twuff kommt bei Wagner, die an vier Volksschulen und einer Neuen Mittelschule in Kärnten unterrichtet, auch sonst immer zum Einsatz: „Ich stelle den Kindern Twuff immer als meinen Freund vor, der schüchtern ist und nur rauskommt, wenn es ganz leise ist. Der geht dann im Kreis herum und immer das Kind darf sprechen, das Twuff gerade hat.“ Dabei lade sie die Kinder ein, ihre Emotionen auf „Gefühlekärtchen“ zu schreiben, die dann gesammelt würden. Ziel sei deren emotionale Sprachfähigkeit.

Diesen stark auf Rituale fokussierenden Ansatz versuche sie auch nun beizubehalten, da die Kinder nicht in die Schule kommen könnten, „wo doch die Beziehung die Basis des Religionsunterrichts ist“. Jetzt schreibe der gelbe Filzhund Twuff den Kindern also wöchentlich Briefe. Auch da versuche sie, die Gefühlekärtchen und Rituale zu integrieren. „Twuff erinnert an diese Rituale und ermutigt dazu, sie auch zuhause zu machen. Sie können ihm dann schreiben, wie es ihnen geht oder wie sie etwa Ostern gefeiert haben.“ Tatsächlich habe sie bereits Videos zugeschickt bekommen, auf denen Kinder zuhause Segen sprechen. In den Briefen von Twuff kämen zudem kleine Aufträge, die aber wiederum nicht sie als Lehrerin, sondern der Filzhund formuliere. Ihr Kernanliegen sei es, „die Angebote, die ich im Unterricht zur Verfügung stelle, um sich selbst zu strukturieren, um Spiritualität zu erleben, jetzt in dieser schwierigen Situation auch zuhause zu bieten“, so Wagner.

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Per Brief im Kontakt mit den Volksschulkindern: Heidemarie Wagners Handpuppe Twuff. Foto: Heidemarie Wagner

Joe Karner: 40 Schulen, eine Website

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen: Da er in Tirol an über 40 Schulen – vom Brenner bis nach Seefeld und von Innsbruck bis ins Ötztal – rund 90 Schülerinnen und Schüler betreut, entschied sich Joe Karner, eine eigene Homepage als Lernplattform einzurichten: „Auch wenn die einzelnen Schulen intern Strukturen aufgebaut haben, ist es für meine Kolleginnen und mich nicht administrierbar, in jedes Schulsystem einzusteigen und dann einen Schüler oder eine Schülerin zu betreuen“, schildert Karner die Herausforderung. Zuvor habe er einige vergleichbare Angebote analysiert, aber feststellen müssen, dass keines davon seinem eigenen Unterrichtsstil entspreche. Selbst ohne Erfahrung in dem Metier habe ihm sein Bruder – ein Webdesigner – unter die Arme gegriffen, erklärt Karner.

Eins zu eins lasse sich der Religionsunterricht freilich nicht ins Netz übertragen: Üblicherweise gehe er immer von der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler aus – sei es bei der Erarbeitung biblischer Geschichten oder bei ethischen Themen: „Nur so können sie die Inhalte mit ihrem eigenen Leben verknüpfen.“ Online ließe sich das freilich schwerer realisieren; da behelfe er sich damit, kleine Hörspiele oder Videos aufzunehmen, auch damit ihn die Kinder hören und sehen können: „Ich weiß, dass ich mit diesem Fach bei meinen Schülerinnen und Schülern assoziiert bin und hoffe, dass so vielleicht ein kleines Fünkchen Normalität in diese völlig absurde Zeit kommt“, sagt Karner, der das Online-Projekt, das am 19. April zunächst öffentlich und frei zugänglich startete, auch nach Ende der Einschränkungen durch die Coronakrise fortführen will. „Die Situation im evangelischen Religionsunterricht wird immer prekärer, da müssen wir rechtzeitig neue Wege suchen, wie der Unterricht laufen kann. Jetzt, da uns die Coronakrise dazu zwingt, sind wie schon auf einem neuen Weg.“ Zu finden ist Karners Website unter: www.reli-in-action.at

Jutta Aschauer: Distance Learning von der Volksschule bis an die KPH

Gänzlich auf Distance Learning von zuhause aus ist man an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH) umgestiegen. Jutta Aschauer, selbst auch Religionslehrerin in verschiedenen Schultypen und -stufen, ist hier unter anderem in der Ausbildung von Religionspädagoginnen und -pädagogen tätig. Über die Lernplattform Moodle werden Arbeitsaufträge erteilt, Ausgearbeitetes hochgeladen, Feedback gegeben. So sei „durchaus differenziertes Arbeiten möglich“, sagt Aschauer, die an der KPH auch künstlerische Fächer unterrichtet: „Selbst das klappt gut, auch wenn diese Fächer sehr praktisch orientiert sind. Da gebe ich Aufgaben, zu denen die Studierenden Fotos einstellen, und die können dann von allen anderen Studierenden gesehen und kommentiert werden.“

Ob und wie E-Learning in den verschiedenen Schulstufen funktionieren kann sieht Aschauer allerdings zwiespältig: In der Sekundarstufe II – ab dem neunten Schuljahr, sei das ohne weiteres möglich, an den Neuen Mittelschulen nur mehr mit Einschränkung: „Bei den 10- bis 14-Jährigen ist die Gruppe unersetzbar, das fällt da natürlich weg, selbst wenn man auf Plattformen wie YouTube oder Zoom zurückgreifen würde.“ Gar nicht vorstellen könne sie sich Religionsunterricht via Internet bei den Jüngsten im Schulsystem: „Religionsunterricht in der Volksschule kann man nicht durch Lernplattformen oder sonstige Arbeitsformen ersetzen. Das geht nicht. Religionsunterricht beruht auf Interaktion, auf persönlichem Kontakt, auf sozialem Lernen, auf Beziehung.“ Inhaltlich ließe sich zwar einiges mit Materialpaketen auffangen. Eine Alternative zum direkten Kontakt sei das aber nicht, meint Aschauer.

Ralf Isensee: Als Pfarrer und Lehrer auf Instagram

Mehr Jugendliche als in der Zeit vor Corona erreicht Pfarrer Ralf Isensee. Das liegt freilich nicht nur am Unterricht, der sich für den Religionslehrer am BRG Spittal an der Drau in Kärnten vollständig auf digitale Plattformen verlagert hat, sondern vor allem an seinem Instagram-Account (@bienenpfarrer). Dort postet er allmorgendlich einminütige Videos, die sich auch viele Schülerinnen und Schüler ansehen, die seinen analogen Unterricht gar nicht besuchen, und die zum Teil nicht einmal evangelisch sind. Ergeben habe sich das erst durch die Coronakrise, die ihn wie alle anderen Lehrerinnen und Lehrer vor die Frage gestellt habe, wie er nun seine Arbeit sinnvoll machen könne: „Ich habe mir dann vieles angesehen, was etwa auf YouTube passiert, und mich gefragt: ‚Wer schaut das eigentlich an?‘“ Vor allem die Länge der dort geposteten Videos habe ihn skeptisch gemacht.

Instagram habe sich dann als gute Alternative für ihn herauskristallisiert. Zum Einen, weil sich dort relativ viele junge Leute aufhielten, zum anderen, weil das spezifische Videoformat von maximal einer Minute in der Grundversion vielen Nutzerinnen und Nutzern entspräche, die sich einfach durchklicken wollten. „Und es ist eine schöne Herausforderung für meinen Beruf“, meint Isensee, der mit Instagram zuvor nur „sporadische Erfahrung“ hatte. Die Berührungsängste der Jugendlichen mit ihrem Lehrer seien dabei tendenziell eher gering, stellt Isensee fest, der auch nach der Coronakrise mit den Videos weitermachen will: „Weil ich die Vorteile einfach sehr genieße und weil es eine Möglichkeit ist, mit Menschen in Kontakt zu sein, die ich sonst nicht hätte.“

ISSN 2222-2464

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