Evangelische und Römisch-katholische Kirche planen Enquete zur Schubhaftbetreuung

Bischof Bünker fordert Seelsorge an Schubhäftlingen analog zur Seelsorge in den Haftanstalten

Wien, 30. Dezember 2009 (epd Ö) – Zu einer Enquete über Fragen der Schubhaftbetreuung werden die Evangelische und die Römisch-katholische Kirche im Februar 2010 einladen. Das teilte der lutherische Bischof Michael Bünker in einem Interview mit der APA mit, das am 30. Dezember veröffentlicht wurde. Auf der Enquete sollen die rechtlichen Möglichkeiten zur umfassenden Schubhaftbetreuung geprüft werden. Vertreter aller großen in Österreich vertretenen Glaubensgemeinschaften sollen daran teilnehmen.

Derzeit, so Bünker, fehle es an adäquater Sozial- und Rechtsberatung für die Insassen in den Polizeianhaltezentren. Der Bischof kritisierte in diesem Zusammenhang die Rückkehrberatung in der Schubhaft, die im Auftrag des Ministeriums erfolge. Dabei werde zudem „wie es scheint“ wenig Wert auf Risikoabwägung gelegt. Als Ziel der Kirchen nannte der Bischof: „Wir wollen uns dafür einsetzen, dass es einen Zugang auch in die Polizeianhaltezentren gibt, dass es Seelsorge an Schubhäftlingen analog zur Seelsorge in den Haftanstalten gibt.“

Den „Nationalen Aktionsplan Integration“ des Innenministeriums hält Bünker für den „falschen Weg“. Zwar seien Sprachkenntnisse für eine gelungene Integration selbstverständlich, wenn jetzt aber Deutschkenntnisse bei der Einreise vorgeschlagen würden, sei dies „ein Sanktions- und Abwehrmodell, also eigentlich ein Desintegrationsmodell“. Stattdessen solle man den Spracherwerb fördern und mit Anreizen versehen.

„Christen können vom Islam lernen“

Im Blick auf den Islam erklärte Bünker, die christlichen Kirchen könnten von dieser Religion lernen, „wie alltagstauglich die Religion ist“. So habe sich in Europa längst ein „Sonntagschristentum“ herausgebildet. Umgekehrt gebe es bei Muslimen Nachholbedarf beim Umgang mit deren Heiliger Schrift. Eine kritische Koranexegese könnte so zu einer Europäisierung des Islam beitragen. Bei der Stellung der Frauen in der Religion müssten Muslime schauen, wie viel kulturell geprägt und was religiös begründet ist.

Zur Debatte um Kreuze in Klassenzimmern erklärte der Bischof: „Für mich ist es wichtig, dass die Schüler und Schülerinnen Religionsunterricht haben und dass sie auch Gottesdienste feiern können. Das hängt nicht daran, ob in der Klasse ein Kreuz hängt oder nicht.“

ISSN 2222-2464