Evangelische Theologin Dorothee Sölle verstorben

73-Jährige erlag Herzinfarkt – Bünker: Mutige und prophetische Stimme ist verstummt

Bad Boll/Wien, 30. April 2003 (epd Ö) Die deutsche evangelische Theologin Dorothee Sölle ist am Sonntagmorgen in einem Krankenhaus im baden-württembergischen Göppingen gestorben. Sölle erlag einem Herzinfarkt, wie die Leiterin der nahe gelegenen Evangelischen Akademie Bad Boll, Godlind Bigalke, am Sonntag auf Anfrage mitteilte.

Die Theologin hatte dort seit Freitag gemeinsam mit ihrem Ehemann Fulbert Steffensky als Hauptreferentin an einem Seminar zum Thema „Gott und das Glück“ teilgenommen. In der Nacht zum Sonntag habe ihr Mann den Notarzt gerufen, weil seine Frau Herzprobleme bekam. Die 73-Jährige hatte vor einiger Zeit bereits einen ersten Herzinfarkt gehabt, von dem sie sich aber nach Angaben Bigalkes gut erholt hatte. Sölle war auch als Friedensaktivistin, Feministin und Autorin zahlreicher Bücher bekannt.

Dorothee Sölle wurde 1929 in Köln geboren. Sie hatte Theologie, Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und sich 1971 an der Universität Köln habilitiert. Nach ihrer Tätigkeit als Privatdozentin für neuere deutsche Literaturgeschichte war sie von 1975 bis 1987 als Professorin für systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York tätig. Sie war seit 1969 mit dem Religionspädagogen Fulbert Steffensky verheiratet.

Sie zählte zu den bekanntesten Vertreterinnen einer befreiungstheologisch orientierten Theologie und Kirche. Die Verbindung von politischem und gesellschaftlichem Engagement und tiefer mystisch geprägter Frömmigkeit war typisch für Dorothee Sölle und eine Ermutigung und Inspiration für viele Christinnen und Christen in den verschiedensten Kirchen. Sie war auf der Suche nach einer neuen Sprache für den Glauben heute. Diese neue Sprache erschien ihr notwendig, damit die „Religion des armen Schluckers aus Nazareth“ weiterleben kann. Noch am Abend vor ihrem Tod hat sie bei einer öffentlichen Veranstaltung aus ihren Gedichten gelesen.

„Dichterin der Gottesliebe“

„Mit Dorothee Sölle verliert der Protestantismus eine herausragende und glaubwürdige Zeugin des Evangeliums, eine streitbare und mutige prophetische Stimme, und eine Dichterin der Gottesliebe ist verstummt“, so der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker in einer ersten Reaktion gegenüber epd Ö. Ihre langjährige Mitwirkung etwa bei der Evangelischen Akademie Graz und vielen anderen Gelegenheiten in Österreich habe viele Freundschaften entstehen lassen und dazu beigetragen, „dass die evangelische Stimme auch in diesem Land gehört wurde“.

Jahrzehntelang meldete sich Sölle in Kirche und Politik zu Wort. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung und protestierte gegen die atomare Aufrüstung. Ihre „Politischen Nachtgebete“ Ende der sechziger Jahre in Köln lösten heftige Kontroversen im evangelischen wie im katholischen Raum aus. Lebendige Kirche müsse „ökumenisch, feministisch und mystisch“ sein, sagte Sölle in einem ihrer letzten Interviews .

Sölle gilt auch als meistgelesene theologische Autorin der Gegenwart. Zu ihren Publikationen gehören u.a. „Stellvertretung – Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“ (1965), „Atheistisch an Gott glauben“ (1968), „Welches Christentum hat Zukunft?“ (1990) und „Mystik und Widerstand“ (1997). Sölle stand stets für eine „Religion mit Seele“. Sie brachte unter anderem auch eine „Entmythologisierung“ der Bibel in Gang.

Die Trauerfeier findet am kommenden Montag (5. Mai) in der Hamburger Katharinenkirche statt, predigen wird die Lübecker Bischöfin und Freundin der Verstorbenen, Bärbel Wartenberg-Potter. Die Beisetzung erfolgt im Anschluss an die öffentliche Trauerfeier im privaten Rahmen.

ISSN 2222-2464