Evangelische Station „Glaubens:Reich“ eröffnet

Superintendent Paul Weiland, Pfarrerin Birgit Lusche, Landeshauptmannstellvertreter Wolfgang Sobotka und Mitterbachs Bürgermeister Alfred Hinterecker eröffnen die Station "Glaubens:Reich" der diesjährigen niederösterreichischen Landesausstellung "Ötscher:Reich. Die Alpen und wir". (Foto: epdÖ/S.Janits)
Superintendent Paul Weiland, Pfarrerin Birgit Lusche, Landeshauptmannstellvertreter Wolfgang Sobotka und Mitterbachs Bürgermeister Alfred Hinterecker eröffnen die Station „Glaubens:Reich“ der diesjährigen niederösterreichischen Landesausstellung „Ötscher:Reich. Die Alpen und wir“. (Foto: epdÖ/S.Janits)

NÖ-Landesausstellung zeigt Geschichte der Protestanten

Mitterbach (epdÖ) – Der evangelischen Geschichte rund um die Marktgemeinde Mitterbach in der Ötscherregion ist eine Station der diesjährigen niederösterreichischen Landesausstellung „Ötscher:Reich. Die Alpen und wir“ gewidmet. Am 29. April wurde die Station „Glaubens:Reich“, die eine Ausstellung in der ehemaligen evangelischen Schule von Mitterbach umfasst, mit einem Festakt feierlich eröffnet. Zahlreiche Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft konnten in der evangelischen Kirche begrüßt werden, der einzigen Toleranzgemeinde Niederösterreichs.

In ihrer Eröffnungsansprache ging die Mitterbacher Pfarrerin Birgit Lusche auf die Geschichte der Pfarrgemeinde ein, die Mitte des 18. Jahrhunderts mit eingewanderten Holzknechten ihren Anfang nahm. Um das Jahr 1747 kamen aus dem Salzkammergut protestantische Holzknechte und ihre Familien in die damals noch kaum berührten Urwälder der Ostalpen. Ihren Glauben konnten sie zunächst nur im Verborgenen ausüben. „Die Holzknechte lebten als Geheimprotestanten in den Wäldern des Ötschers. Das stärkte den Zusammenhalt zwischen den Gemeindemitgliedern. Dieser Zusammenhalt, diese feste Verwurzelung im evangelischen Glauben, ist auch heute noch prägend für die Gemeinde“, so Lusche. Erst im Zuge des Toleranzpatents konnte 1781 in Mitterbach die erste evangelische Pfarrgemeinde in Niederösterreich entstehen.

„Sie erleben in Mitterbach ein Stück niederösterreichischer Geschichte, das Sie nur hier erleben können“, betonte Superintendent Paul Weiland bei der Eröffnung. Die Ausstellung gebe einen tiefen Einblick in die Geschichte der Region sowie die Entwicklung und Grundlagen von Toleranz. Weiland erinnerte daran, dass nur wenige Protestanten in Niederösterreich ihren Glauben bewahren konnten. „Sehr viele Evangelische aus Niederösterreich sind ausgewandert, etwa nach Franken. Als es 1781 möglich war, sich zu bekennen, taten dies nicht einmal 500 Personen, davon 400 in der Ötscherregion.“ Weiland unterstrich, dass das Thema Toleranz und Religion auch heute noch von Bedeutung sei, etwa beim Bau von Moscheen in Österreich oder bei der Debatte um Kreuze in Klassenzimmern.

In seinem Festvortrag hob Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner hervor, dass das Toleranzpatent Josephs II. von 1781 für die Protestanten ein Grund zur Freude gewesen sei. Das Wort „Toleranz“ sei von seiner lateinischen Bedeutung her im Sinne von „erdulden“ und „erleiden“ zu verstehen. Dies habe sich auch beim Toleranzpatent gezeigt. Zwar wurden die Protestanten erstmals anerkannt, allerdings durften sie ihre Religion nicht öffentlich ausüben. Evangelische durften keine Kirchen bauen, sondern lediglich Bethäuser, die beispielsweise keinen Turm, keine Glocken, keine runden Fenster und auch keinen Eingang straßenseitig haben durften. „Was wir heute unter Toleranz verstehen, meint eher Akzeptanz“, erklärte Trauner. Bezugnehmend auf die heutige Situation sagte Trauner: „Ohne Toleranz ist eine Gesellschaft heute nicht mehr denkbar. Aber Toleranz kann nicht gegenüber allen Ansichten geübt werden!“ Toleranz könne dazu verpflichten, intolerant zu werden, etwa wenn menschliches Leben in Gefahr sei oder Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit erklärt werde. Letztlich handle es sich um eine Frage der Werte, hier spielten Religionen eine wichtige Rolle. „Werte und religiöse Haltungen prägen das Handeln der Menschen in der Gesellschaft, und wir sind stolz darauf, dass Werte das Handeln prägen“, so der Militärsuperintendent.

Von einer großen Herausforderung, zugleich aber auch einer großen Chance sprach Bürgermeister Alfred Hinterecker. Die Ausstellung sei wichtig für Mitterbach und die ganze Region. Wolfgang Sobotka, Landeshauptmannstellvertreter von Niederösterreich, betonte die besondere Verpflichtung, die aus der Geschichte erwachse: „Die Geschichte zeigt uns, dass das, was wir heute als selbstverständlich begreifen, nicht immer konfliktfrei war.“

Durch den Eröffnungsabend führte Moderatorin Birgit Zeiss-Brammer. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von der Familienmusik Größbacher, Diözesankantorin Sybille von Both und dem Musikverein Mitterbach.

Die Station „Glaubens:Reich“ der Landesausstellung „Ötscher:Reich“ kann Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr besucht werden. Obwohl die Landesausstellung bereits am 1. November 2015 zu Ende geht, wird die Ausstellung in Mitterbach bis 2017, dem Reformationsgedenkjahr, zu sehen sein.

ISSN 2222-2464