„Evangelische Schulen sind durchwegs auch Eliteschulen“

Helmar-E. Pollitt, Henning Schluß und Martin Schreiner sprachen im "pädagogischen Salon" der Evangelischen Akademie in Wien über Evangelische Schulen und Elitebildung
Helmar-E. Pollitt, Henning Schluß und Martin Schreiner sprachen im "pädagogischen Salon" der Evangelischen Akademie in Wien über Evangelische Schulen und Elitebildung

Diskussion über den gesellschaftlichen Stellenwert evangelischer Schulen


Wien (epdÖ) – Zu einem „pädagogischen Salon“ lud am Mittwoch, 22. März die Evangelische Akademie Wien in das Wiener Albert Schweitzer Haus ein. Thema der Gesprächsrunde war „Evangelische Schulen und Elitebildung“.

„Ich habe mit dem Elitebegriff so meine Schwierigkeiten“, betonte Helmar-E. Pollitt von der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems bei seinem Vortrag. Der Begriff sei erst im 17. Jahrhundert gebräuchlich geworden, damals als Gegensatz zum Adel. Im Laufe der Geschichte sei er aber immer negativer konnotiert worden, etwa beim Philosophen Friedrich Nietzsche, im Leninismus, im italienischen Faschismus oder im Nationalsozialismus.

„Evangelische Schulen als Privatschulen sind durchwegs auch Eliteschulen“, resümierte Pollitt, da sie in der Minderheit seien und gewisse Privilegien hätten, so könnten sie etwa eigene Ziele definieren. Bei der Schulwahl spiele für die Eltern der Elitegedanke aber keine herausragende Rolle, so Pollitt, der an einer 2007 erschienen Studie mitarbeitete, welche die Beweggründe der Eltern für die Auswahl einer evangelischen Schule untersuchte. „Die meisten Eltern wählen die Schule aus pragmatischen Gründen aus“, erklärte Pollitt. Neben dem ansprechenden Konzept der Schule spiele auch die Wohnortnähe eine wichtige Rolle – auch wenn letzteres auf Grund einer Unklarheit in der Studie genauer untersucht werden müsste. An dem Konzept der Schulen gefalle den Eltern besonders der Gemeinschaftsgeist und die Einbeziehung der Eltern in den Schulalltag. Der religiöse Charakter der Schule sei laut Studie hingegen weniger wichtig. Die Eltern würden eher auf eine christliche Orientierung der Schule denn auf spezielle Angebote wie etwa die Vermittlung explizit biblischen Wissens Wert legen. Angesichts der zahlreichen Angebote gab Pollitt zu bedenken, dass „es nicht ‚die‘ evangelische Schule gibt, jede Schule hat ihr eigenes Profil“.

Religionspädagoge Martin Schreiner von der Universität Hildesheim (Deutschland), der sich schon länger mit den Evangelischen Schulen in Deutschland wissenschaftlich beschäftigt, sprach über das Selbstverständnis, die Leistungsfähigkeit und Perspektiven evangelischer Schulen sowie ihre zentralen „Profilansprüche“. „Ich kenne keine evangelischen Eliteschulen. Ganz im Gegenteil, wir hatten in Deutschland die ersten Gesamtschulen, etwa das Rauhe Haus in Hamburg“, so Schreiner. Elementare Grundsätze evangelischer Schulen seien etwa der religiösen Bildung Platz zu geben, das Evangelium erfahrbar zu machen, Gemeinschaft in der Schule zu ermöglichen, eine Schulkultur des Vertrauens, der Verantwortung sowie Hoffnung zu etablieren, gesellschaftliche Herausforderungen anzunehmen und neue pädagogische Erkenntnisse wahrzunehmen und einzubinden. Einen zentralen Punkt stellt auch die Annahme jedes Kindes und jedes Jugendlichen dar. „Ich habe einmal einen Sportunterricht mit beeinträchtigten Kindern hospitiert und war fasziniert, wie sehr der Lehrer die Kinder in den Unterricht eingebunden hat“, berichtete Schreiner.

Oberkirchenrat Karl Schiefermair betonte in der anschließenden Gesprächsrunde mit dem Publikum, dass evangelische Schulen öffentliche Schulen seien, wenn auch mit einem privaten Trägerkreis. Das Schulgeld, das eingehoben wird, werfe aber immer die Frage nach Elite auf, auch wenn es ein ausgefeiltes Stipendiensystem gäbe. In Hinblick auf die unterschiedlichen Typen evangelischer Schulen in Österreich hält Schiefermair fest: „Es gibt nicht die eine evangelische Schule, aber es gibt in Österreich eine evangelische Schulordnung, an die sich alle evangelische Schulen zu halten haben“. Moderiert hat die Veranstaltung Henning Schluß vom Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien.

ISSN 2222-2464