Evangelische Kirchen und Demokratie

„Die Kirchen haben das Recht und die Pflicht, Orientierung zu vermitteln“ -Generalsynode nimmt Denkschrift an

St. Pölten, 23. Oktober 2002 (epd Ö) „Die evangelischen Kirchen verpflichten sich, deutlich für die Anliegen von Demokratie und Menschenrechten auf österreichischer, europäischer und globaler Ebene einzutreten.“ Und: „Die evangelischen Kirchen ermutigen ihre Mitglieder, Verantwortung für das Zusammenleben der Menschen wahrzunehmen – im eigenen Land sowie im europäischen und globalen Kontext.“

So heißt es in einer Denkschrift der Generalsynode zum Thema „Evangelische Kirchen und Demokratie in Österreich“, die am 23. Oktober von der in St. Pölten tagenden Generalsynode der Evangelischen Kirche A.u.H.B. mit großer Mehrheit angenommen wurde. In dem Text wird festgehalten, dass den Kirchen im demokratischen Staat das Recht wie auch die Pflicht zukomme, der Gesellschaft in wichtigen Fragen Orientierung an ethischen Grundwerten zu vermitteln. So seien Parteiprogramme wie auch Äußerungen einzelner Politiker und deren praktische Umsetzung stets neu am Evangelium zu messen.

Grund ist die Gottesebenbildlichkeit des Menschen

Die Denkschrift, die die Entwicklung des Verhältnisses von christlichem Glauben und Staat von der biblischen Grundlage bis in die reformatorische Theologie, insbesondere in Österreich, ausführlich nachzeichnet, unterstreicht: „Christlicher Glaube bejaht die Demokratie als jene Form des geordneten Zusammenlebens, die der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit der Menschen am meisten Raum gibt.“ Der demokratische Staat wisse sich der Menschenwürde und den Menschenrechten verpflichtet. Die Folge daraus sei das Gebot politischer und sozialer Gerechtigkeit für alle. Aus christlicher Sicht lasse sich der Gedanke der Menschenwürde und der Menschenrechte als inhaltliche Konsequenz der biblischen Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen verstehen.

Biblisch gesehen gelte, Jesus habe das kommende Gottesreich verkündet, allerdings sei das politische Machtgefüge vordergründig kein Thema gewesen. Ein wich-tiges Element der christlichen Haltung gegenüber dem Staat sei heute die Fürbitte für die Regierenden. „Unsere Kirchen gebrauchen nach ihrem Selbstverständnis keinerlei Machtmittel zur Durchsetzung politischer Optionen sondern wirken allein durch die Überzeugungskraft ihres Worte“, so die Denkschrift der Generalsynode.

Diskussionsprozess als Ziel

Wie der steirische Superintendent Mag. Hermann Miklas als Obmann des Theologischen Ausschusses der Generalsynode bei seiner Erläuterung des Textentwurfes hervorhob, soll das Papier einen synodalen Prozess einleiten. Es herrsche Diskussionsbedarf in den Pfarrgemeinden und es herrsche die Notwendigkeit, zu einer Ortsbestimmung für Politiker und Journalisten. Der Text sei von der Überzeugung getragen, dass die christliche Kirche den Staat bejaht und ihn gleichzeitig relativiert. Sie dürfe sich an keine politische Seite „verkaufen“.

Auf Beschluss der Generalsynode wird der Text der Denkschrift den Pfarrgemeinden zur Diskussion zur Verfügung gestellt. Der Wortlaut der Denkschrift wird in der Rubrik „Dokumente“ – „Reden und Erklärungen“abrufbar sein.

ISSN 2222-2464