Evangelische Kirche zur Lage im Nahen Osten

Nur gerechter Friede auf Basis internationaler Resolutionen kann gleichberechtigtes Miteinander bringen – Evangelische Delegation bereist im Februar Israel und Palästina

Wien (epd Ö) – Zu den kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten hat der Evangelische Oberkirchenrat A.u.H.B., das Leitungsgremium der Evangelischen Kirche A.u.H.B. in Österreich, in seiner Sitzung am Dienstag, 13. Jänner, Stellung genommen. „Wir appellieren an alle Verantwortlichen in der Krisenregion, das Blutvergießen zu beenden, und wir appellieren an die Verantwortlichen in Europa, auf die Kriegsparteien einzuwirken, dass die Waffen zum Schweigen gebracht werden. Wir sind bestürzt über die neuerliche Eskalation der Gewalt, die Leid, Tod und Zerstörung mit sich bringt und nur zu neuem Hass und Feindseligkeit führt“, heißt es in der von Bischof Michael Bünker und Landessuperintendent Thomas Hennefeld unterzeichneten Stellungnahme.

Nur ein gerechter Friede zwischen Israel und Palästina auf der Basis internationaler Resolutionen könne die Lösung des Konfliktes und ein gleichberechtigtes Miteinander bringen. Die vielen israelisch-palästinensischen Friedensinitiativen seien „ermutigende Zeichen, dass Menschen über Gräben und Mauern hinweg mit Phantasie und Hartnäckigkeit Wege aufzeigen können, die zu einem friedlichen Miteinander der noch verfeindeten Völker führen“.

Dabei komme den Glaubensgemeinschaften die besondere Aufgabe zu, die friedensstiftende Kraft der eigenen Religion zu nutzen, um Brücken zu schlagen und die Spirale der Gewalt zu stoppen. „Unsere Schwesterkirche, die Evangelisch-lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL) leistet durch ihre unermüdliche Versöhnungsarbeit in Schulen und Gemeinden einen wertvollen Beitrag zu einem friedlichen Miteinander“, erinnert der Evangelische Oberkirchenrat. Seit mehreren Jahren setzen sich verschiedene Organisationen der evangelischen Kirchen für Friedens- und Versöhnungsarbeit zwischen Israelis und Palästinensern ein. In diesem Sinn hat die Evangelische Kirche zum zweiten Mal nach 2005 eine Studien- und Begegnungsreise initiiert, die vom 7. bis 15. Februar stattfinden wird. Wie schon bei der ersten Reise wird der Schwerpunkt auf Begegnungen mit Menschen liegen, die sich aktiv um Frieden und Versöhnung in der Region bemühen.

Am 4. Jänner fand in der St. Stefan-Basilika in Jerusalem ein ökumenisches Gebet für den Frieden statt. Die Evangelische Kirche lädt in der Stellungnahme Christinnen und Christen auch in Österreich dazu ein, das Gebet, das dort gesprochen wurde, mitzubeten.

Das Gebet hat folgenden Wortlaut:

Du Gott des Friedens,

wieder einmal herrscht Krieg – und wieder einmal beten wir für den Frieden im Nahen Osten.

Wir beten für die Menschen in Gaza und für die Menschen in Sderot.

Für die Menschen in Aschkelon und für die Menschen in Khan Younis.

Für die Menschen in Rafah und für die Menschen in Beer Schewa.

Für die Menschen in Nachal Oz und für die Menschen in in Beit Hanoun.

Für das Volk Israel und für das Volk der Palästinenser.

Sei du ganz nahe bei den Verwundeten, bei den Traumatisierten, bei denen, die Trauer tragen um Freunde und Angehörige. Schenk du, wo es möglich ist, Kraft und Heilung.

Sei du bei den Soldaten und bei den Kämpfern und bei denen, die sich für Kämpfer halten: Beschütze du sie in den Kämpfen und bewahre sie vor blindwütigem Töten. Schenke ihnen die Einsicht, dass der auf der anderen Seite ebenfalls ein Mensch ist, geschaffen nach deinem Ebenbild – gottgewolltes Leben. Schenke du eine Ahnung davon, dass kein menschliches Leben mehr oder weniger wert ist als ein anderes menschliches Leben.

Schenke du eine Ahnung davon, dass es Sünde ist, Raketen zu schießen und Häuser zu bombardieren, in denen Menschen leben, und dass Krieg nach deinem Willen nicht sein soll.

Heiliger Gott, wecke du das Gewissen, das du in jeden Menschen gelegt hast, und den Sinn für Verantwortung – besonders bei denen, die über Raketen und Kampfflugzeuge befehlen.

Wecke du aber auch unser Gewissen: dass wir nicht gleichgültig oder zynisch werden, sondern fähig zum Mitleiden.

Dass wir nicht die Einen anklagen und die Gewalt der Anderen verschweigen oder schönreden. Dass einem jeden von uns die Augen aufgehen, wie er selbst einen Beitrag leisten kann – und sei er auch noch so klein: zu Frieden, zu Gerechtigkeit und dazu, dass jeder Mensch in diesem Land sein Leben ohne Angst und in Würde führen kann.

Du Gott des Friedens, schenke du deinen Frieden, welcher höher ist als alle unsere Vernunft – und größer als alle menschliche Unvernunft.

Amen

ISSN 2222-2464