Evangelische Kirche: Erinnerung an Versagen nicht verdrängen

Schuld und Scheitern in NS-Zeit – Demokratie mit Leben erfüllen – Erklärung der Evangelischen Kirche A. und H.B. zum Gedenkjahr 2005

Wien (epd Ö) – „Es belasten uns die schmerzlichen Erfahrungen von Schuld und Scheitern unserer Kirchen und einer großen Zahl ihrer Mitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus, insbesondere in Bezug auf jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, Sinti und Roma und andere verfolgte Gruppen, wo mutiger bekannt, treuer gebetet, fröhlicher geglaubt, brennender geliebt und entschiedener widerstanden hätte werden müssen“, heißt es in der Erklärung der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich zum Gedenkjahr 2005. Die Erklärung wurde am Mittwoch, 27. April, in einer Stunde des Gedenkens in der Reformierten Stadtkirche Wien offiziell vorgestellt und Bundespräsident Dr. Heinz Fischer überreicht.

Die Erklärung spricht weiter darüber, dass die Erinnerung an dieses Versagen nicht verdrängt werden dürfe und die Kirchen weiterhin zu ständiger Selbstprüfung aufrufe. In Bezug auf die eigene Geschichte wird betont, dass die evangelischen Gemeinden, Christinnen und Christen bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein „leidvoll erfahren haben“, welche Folgen Intoleranz und Beschränkungen der politischen und konfessionellen Freiheit haben. „Diese Schatten der Vergangenheit sind heute überwunden.“ Daher sei es möglich geworden, dass die christlichen Kirchen aus einem „neu geschenkten ökumenischen Bewusstsein gemeinsam das Ökumenische Sozialwort und Beiträge zur neuen österreichischen Bundesverfassung erarbeitet haben“.

Die Evangelische Kirche nutzt den Anlass des Gedenkens, um alle Bürgerinnen und Bürger und vor allem die Christinnen und Christen aufzufordern, ihre politische Verantwortung aktiv wahrzunehmen. Demokratie müsse immer wieder mit Leben erfüllt werden: „An ihrer Gestaltung Anteil zu nehmen, verlangt unser christlicher Glaube. Im Gewissen vor Gott gebunden, ist jedem Einzelnen die Verantwortung für das politische und gesellschaftliche Geschehen aufgetragen.“ Dies könne nach evangelischer Überzeugung bis hin zum Widerstand gegen die Staatsgewalt reichen.

Kirche könne und dürfe nicht an die Stelle des Staates treten: „Dort aber, wo in wichtigen Fragen Orientierung an ethischen Grundwerten erforderlich ist, haben die Kirchen das Recht und die Pflicht, Stellung zu nehmen.“ So sehe die Evangelische Kirche es heute als ihre Verpflichtung, für die Rechte derer einzutreten, die verfolgt werden. Wörtlich heißt es: „Denen, die aus Sehnsucht nach einem besseren Leben an unsere Türen klopfen, sind wir Achtung und Respekt vor der unverlierbaren Menschenwürde schuldig. Ihnen allen müssen faire Gelegenheiten gegeben werden, ihre Anliegen vorzubringen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.“

Bestürzt zeigt sich die Evangelische Kirche darüber, dass in politischen Auseinandersetzungen die Achtung vor Andersdenkenden gering geschätzt und deren Würde verletzt wird. Auch erfüllt es die Evangelische Kirche mit Sorge, „dass die Chance einer neuen Verfassung für unser Land zu scheitern droht“.

In Bezug auf die Europäische Union betont die Erklärung, dass sie die lange gemeinsame Geschichte lebendig mache. Sie „weist uns auf die besondere Verantwortung hin, die wir als Christinnen und Christen und als Kirchen in Österreich haben. Wir haben uns verpflichtet, deutlich für die Anliegen von Demokratie und Menschenrechten auf österreichischer, europäischer und globaler Ebene einzutreten, dies in dankbarer Gemeinschaft mit anderen Kirchen und Religionen sowie allen Menschen guten Willens.“

Das evangelische Webportal evang.at dokumentiert die Erklärung: www.evang.at/demokratie.html

ISSN 2222-2464