Evangelische feierten Gustav-Adolf-Feste

Gesellschaftliche Fragen und Jubiläen im Mittelpunkt

Graz/Kitzbühel/Villach/Waldhausen/Weppersdorf/Wien, 5. Juni 2002 (epd Ö) Über 5.000 evangelische Christen aus ganz Österreich sind am Donnerstag, 30. Mai, in ihren Diözesen zu den Gustav-Adolf-Festen zusammengekommen. Neben den Festgottesdiensten und den Jahresversammlungen der diözesanen Gustav-Adolf-Vereine boten die regionalen „Kirchentage“ ein vielfältiges Programm für alle Altersgruppen.

Kässmann: Der sterbende alte Mann ist nicht weniger wert als das Model

„Unser Leben sei ein Fest“ – Dieser Liedtitel bot den thematischen Rahmen für das burgenländische Gustav-Adolf-Fest, das heuer in Weppersdorf stattfand. Dr. Margot Käßmann, Bischöfin der Landeskirche Hannovers, rief in ihrer Festpredigt dazu auf, aus dem Glauben heraus mehr Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Christinnen und Christen, so die Bischöfin der größten deutschen Landeskirche, dürfe nicht gleichgültig sein, dass etwa kinderreiche Familien das höchste Armutsrisiko tragen. Trotz aller Risken und drohenden Probleme könnten Christinnen und Christen ihr Leben als Geschenk Gottes wahrnehmen. „Dann ist der sterbende alte Mann nicht weniger wert als das Model auf dem Laufsteg“, sagte Käßmann. Im Glauben an den Auferstandenen „wischen wir deshalb schon heute Tränen ab, begehren auf gegen Todesstrukturen und heilen zerbrochene Beziehungen“. Käßmann warnte vor der Illusion, den Lebenssinn kaufen zu können. Aus der reformatorischen Einsicht heraus, dass Gott jedem Leben Sinn schenkt, „können wir auch Jugendlichen zurufen, dass es vor Gott keine Versager gibt.“ Käßmann: „Ich wünschte, dass der jugendliche Amokläufer von Erfurt das gehört hätte.“

Mehrere Ausstellungen, Konzerte und ein Workshop der Theatergruppe „Malaria“ aus dem Diakoniewerk Gallneukirchen umrahmten das Fest, zu dem auch der burgenländische Landeshauptmann, Hans Niessl, und sein Stellvertreter, Franz Steindl, gekommen waren. Nachdenklich-humorvolle Texte las der Kabarettist und Schauspieler Erwin Steinhauer, der auch in der von Superintendentin Mag. Gertraud Knoll gestalteten Schlussandacht mitwirkte.

NÖ-OÖ: Fest gegen „höllische Selbstrechtfertigungslehre“

Im Zeichen der Ökumene stand das Gustav-Adolf-Fest der Diözesen Niederösterreich und Oberösterreich auf dem Gelände der oberösterreichischen Landesausstellung im ehemaligen Augustiner-Chorherren-Stift Waldhausen im Strudengau. Der gemeinsame Kirchentag hatte das Motto „evangelische feiern feste“, im Mittelpunkt der Landesausstellung steht ebenfalls das Thema „feste feiern“. Im Gottesdienst in der überfüllten Stiftskirche traten die Superintendenten Mag. Hansjörg Eichmeyer und Mag. Paul Weiland in einer Dialogpredigt für die Beibehaltung des Sonntags als gemeinsamen Ruhetag und für den Erhalt der Feiertage ein. „Eine Gesellschaft, die nicht mehr mit dem Feiertag umgehen kann, verarmt“, erklärte Weiland. Eichmeyer kritisierte den modernen Weg in eine immer umfassendere Leis-tungsgesellschaft als „die neue höllische Selbstrechtfertigungslehre“. Im Anschluss an den Gottesdienst fand vor der Stiftskirche ein „Ökumenisches Gebet“ mit den Teilnehmern der örtlichen Fronleichnamsprozession und dem römisch-katholischen Pfarrer Karl Michael Wögerer statt. Bei der Feier warnte Bischof Mag. Herwig Sturm im Blick auf die leidvolle Geschichte zwischen Katholiken und Protestanten in Österreich davor, dass „gegenseitiger Hass das Gesicht der Menschen und das Gesicht Gottes verzerrt“. An dem gemeinsamen Gustav-Adolf-Fest nahmen rund 2.500 Personen teil, darunter der leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn, D. Imre Szébik, sowie Gäste aus Tschechien, der Slowakei, Siebenbürgen, Deutschland und Togo.

Bünker: Kein Raum für Engstirnigkeit

„Das Kreuz in dieser Kirche steht quer zum Talverlauf. Es ist Sinnbild dafür, dass das Kreuz quer steht zu den natürlichen, politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten”, sagte Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker in seiner Predigt beim Gustav-Adolf-Fest der Diözese Salzburg/Tirol in Kitzbühel. Im Mittelpunkt des Festes stand das 40-Jahr-Jubiläum der Christuskirche Kitzbühel. „Diese Kirche hier ist auffallend breit”, so Bünker. „Die Frage ist, wie viel Breite und Raum können wir geben, und wie viel Fremde erfahren und ertragen wir? Engstirnigkeit jedenfalls hat bei uns keinen Raum.”

„Unsere Christuskirche war und ist für uns das feste Fundament all unseres Tuns und Handelns, ein Ort, der uns auch in den schwierigen Zeiten zusammenhält und verbindet”, sagte Kurator Ing. Peter Zimmermann in seiner Begrüßung. In ihren Grußworten erinnerten Superintendentialkuratorin Ursula Frischauf-Freudenberg und Bürgermeister Dr. Horst Wendling an die Vertreibung der Tiroler Protestanten und den Beginn evangelischen Glaubenslebens in Kitzbühel.

Kärnten: 100 Jahre Kirche im Stadtpark in Villach

Ein Jubiläum prägte auch des Gustav-Adolf-Fest in Kärnten. Die Villacher Kirche am Stadtpark feierte ihre Gründung vor 100 Jahren. Bereits am Vortag hatte die Delegiertenversammlung mit der Singgemeinschaft Landskron stattgefunden. Der Festtag selbst wurde dann von einem vielfältigen Programm umrahmt, an dem unter anderen der Liesertaler Posaunenchor und SchülerInnen der musisch-kreativen Hauptschule Landskron mitwirkten. In einem Themenpark informierten kirchliche und soziale Institutionen über ihre Arbeit. Zu Lesungen hatten die Kärntner Superintendentialkuratorin Dr. Helga Duffek und Franz Stimpfl geladen.

Steiermark: 40 Jahre Erlöserkirche in Graz-Liebenau

„Hier ist gut sein!“ war das Motto des steirischen Gustav-Adolf-Festes in Graz-Liebenau. Damit sollte, so der steirische Superintendent Mag. Hermann Miklas, „ein bewusst positives Signal“ für diesen Festtag gesetzt werden, an dem die gastgebende Gemeinde zugleich das Jubiläum „40 Jahre Erlöserkirche“ feierte.

Im Festgottesdienst am Vormittag predigte Miklas über die Geschichte von der Verklärung Jesu, aus der das Zitat für das Thema des Festtages stammte. Miklas betonte die Bedeutung der vom Normalen herausgehobenen Höhepunkte, fügte aber hinzu, dass „man am Berg der Verklärung nicht Hütten bauen soll, sondern die hier gewonnene Kraft auch später in den Niederungen des Alltags noch fruchtbar machen kann“. Ein Harfenkonzert, Lesungen, Chansons bis hin zu jüdischer Musik umrahmten das steirische Fest, dessen Bild in diesem Jahr durch zahlreiche Kinder und jugendliche Teilnehmer geprägt war.

Wiener Fest im Zeichen des zusammenwachsenden Europas

Im Zeichen des zusammenwachsenden Europas stand das Wiener Gustav-Adolf-Fest in Hütteldorf. „Den Menschen neu zu begegnen“ und eine „neue Offenheit , die auch verzeihen kann“ waren die Leitmotive der Festpredigt, die der Generalsekretär des deutschen Gustav Adolf-Werkes, Pfarrer Dieter Brandes hielt. Er erinnerte an die vielen Wunden, die die Neuordnung Europas nicht nur nach dem Krieg, sondern auch bei der Staatenbildung nach 1989 etwa im Gefolge der Auflösung Jugoslawiens vielen Familien geschlagen hat. Die Identität in der neuen Gemeinschaft des zusammenwachsenden Europas zu erhalten, war auch der Tenor des Fürbittengebets aus der evangelischen Kirche in Litauen. „Es ist noch immer nicht einfach, in Polen evangelisch zu sein,“ hieß es aufrüttelnd in der Grußadresse eines Vereins aus dem ostpreußischen Allerstein, das heute zu Polen gehört. 40.000 Menschen unterstützt dieser Verein, der eines der beiden Diakonieprojekte trägt, dem die Fest-Kollekte gewidmet war. Für das andere Projekt, ein Jugendzentrum in Kroatien, fehlen noch die Mittel für den laufenden Betrieb. Der Bau konnte durch den Gustav-Adolf-Verein finanziert werden.

ISSN 2222-2464