Europas evangelische Kirchen erinnern an Kriegsende vor 100 Jahren

Künstlerisches Zeugnis des Ersten Weltkriegs: Albin Egger-Lienz' Gemälde "Nordfrankreich, 1917" (Detail). Foto: wikimedia/Ji-Elle
Künstlerisches Zeugnis des Ersten Weltkriegs: Albin Egger-Lienz' Gemälde "Nordfrankreich, 1917" (Detail). Foto: wikimedia/Ji-Elle

„Brauchen politisch aktive Zivilgesellschaft“

Wien/Basel (epdÖ) – Unter dem Titel „Miteinander in Europa“ erinnern Europas evangelische Kirchen an das Ende des Ersten Weltkriegs, das sich am Sonntag, 11. November, zum 100. Mal jährt, und stellen Aufgaben an sich selbst im Umgang mit der Geschichte. In einem gemeinsamen Dokument sieht die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) „evangelische Kirchen und europäische Gesellschaften vor Fragen und Herausforderungen gestellt, die in den vergangenen 100 Jahren immer wieder hervortraten, aber kaum bewältigt wurden“. Die Kirchen wüssten „angesichts der verheerenden und langfristigen Auswirkungen des Krieges um die Bedeutung des Einsatzes für den Frieden und der zivilen Konfliktprävention“. Konkret sprechen sie in dem Dokument die Fragen der Schuld, der Minderheitenrechte, der Flucht und Migration, der Versöhnung und der demokratischen Kultur an.

Einsatz für Minderheiten als Aufgabe der Diasporakirchen

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der territorialen Neuordnung Europas sei die Bildung neuer „Minderheitensituationen“ für „hunderttausende Volksangehörige“ verbunden gewesen, deren Rechte in den Folgejahren oft bewusst verletzt worden seien. Den Evangelischen Kirchen, die sich in vielen europäischen Ländern selbst als Minderheitenkirchen wiederfänden, sei „die Aufgabe zugewachsen, neben der konfessionellen auch die kulturelle Identität ihrer Mitglieder zu pflegen und zu bewahren“.

Die Kirchen müssten sich fragen, „wo sie während der Konfliktgeschehen des 20. Jahrhunderts die Begeisterung für den Krieg unkritisch betrachtet oder sie gar unterstützt und mit entfacht“ hätten. Es gelte zu untersuchen, wo Kirche und Theologie versäumt oder bewusst darauf verzichtet hätten, die zeitgenössischen Prozesse zu reflektieren, zu analysieren und die Stimme zu erheben.

„Müssen fragen, wie unsere Politik Migration mitverursacht“

Rund 9,5 Millionen Menschen seien bis 1926 auf Grund des Ersten Weltkriegs zur Flucht gezwungen gewesen, berufen sich die Kirchen auf aktuelle Studien. Historisch betrachtet seien die Fluchtbewegungen „für das europäische Christentum und den Protestantismus keineswegs unbekannt“. Mit Blick auf Fluchtbewegungen in der jüngsten Geschichte setze sich die GEKE „für eine differenzierte Wahrnehmung, orientiert an dem Schutz der Würde eines jeden Menschen“ ein. Wirtschaftlich starke Nationen Nord- und Westeuropas müssten sich auch die Frage stellen, wie „unsere europäische Wirtschafts-, Handels- und Agrarpolitik heute Migration aus anderen Erdteilen und Regionen nach Europa mitverursacht“.

Die Erfahrungen der Geschichte ließen die evangelischen Kirchen in Europa den europäischen Einigungsprozess „als Friedens- und Versöhnungsgeschehen“ begrüßen, heißt es weiter: „Die  reformatorischen Kirchen in Europa sollten dort ihre Stimme erheben, wo das Verhältnis zur Vergangenheit instrumentalisiert wird, zugleich sollten sie aber ihre eigene Sprache und ihr Einfühlungsvermögen weiterentwickeln, Versöhnungsprozesse zwischen Individuen und zwischen Gruppen zu ermöglichen.“

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg etabliert worden seien, entsprächen „der durch Gottes Schöpfung verliehenen Würde, Freiheit und Gleichheit aller Menschen“. Neben den Institutionen brauche es „jedoch auch eine politisch aktive Zivilgesellschaft und uns als Bürgerinnen und Bürger, die für die Errungenschaften von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eintreten“. An protestantische Kirchen sehen sie den Anspruch gestellt, „ihr theologisches Erbe und ihre kirchlichen Erfahrungen aus der Geschichte zu revitalisieren“ mit dem Ziel gesteigerter Souveränität und Teilhabe.

Verabschiedet  wurde das Dokument „Miteinander in Europa. 100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges: Gemeinsames Erinnern für die Zukunft“ im Rahmen der 8. Vollversammlung der GEKE in Basel von 13. bis 18. September 2018 in Basel. Der Volltext steht unter https://cpce-assembly.eu/dokumente/ zum Download.

Der seit 1973 bestehenden Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit Sitz in Wien gehören mehr als 90 lutherische, methodistische, reformierte und unierte Kirchen aus über 30 Ländern Europas und Südamerikas an. Die GEKE vertritt damit insgesamt rund 50 Millionen Protestanten. Der österreichische evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker war bis September Generalsekretär der GEKE, ihm folgte der Deutsche Mario Fischer.

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ISSN 2222-2464