Toleranzgespräche diskutierten Folgen des Klimawandels

(Foto: G. Kampitsch)
(Foto: G. Kampitsch)

Töpfer: „Wenn nichts passiert, passiert etwas.“

Fresach (epdÖ) – Nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr bildeten heuer das Thema Menschenrechte und die Folgen des Klimawandels den Schwerpunkt der Europäischen Toleranzgespräche, zu denen heuer rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in das Kärntner Bergdorf Fresach kamen. Nach drei intensiven Tagen mit Vorträgen, Diskussionen, literarischen Interventionen, Konzert, Kabarett und Poetry Slam zieht der Kärntner Superintendent und Mitinitiator der Gespräche, Manfred Sauer, eine positive Bilanz: „Auf hohem intellektuellem Niveau konnten neue Aspekte und Zusammenhänge im Bereich des Klimawandels und der Migration aufgezeigt werden, die die Teilnehmenden nicht nur zur kritischen Reflexion, sondern vor allem zum persönlichen Handeln ermutigt haben“, sagt der Superintendent im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. In Fresach, so Sauer, konnten auch Beziehungen geknüpft werden, die „Einblick in bewegende Lebens- und Fluchtgeschichten ermöglichen“. Sauer: „Das enorme positive Echo ermutigt und beflügelt für die nächsten Europäischen Toleranzgespräche im kommenden Jahr.“

Der Einsatz für Menschenrechte sollte nicht an letzter Stelle unserer Visionen stehen, meinte der römisch-katholische Diözesanbischof Alois Schwarz bei der Eröffnung. Verantwortung für das gemeinsame Haus Europa zu übernehmen bedeute auch, der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ entgegenzutreten.

Flucht sei kein Verbrechen, sondern Menschenrecht, unterstrich der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser. Ein Europa, das sich hier nicht solidarisch zu einer Lösung bekennt, werde scheitern. „Ich bekenne mich zu einer Toleranz, die keine Grenzen kennt, aber nicht zu einer grenzenlosen Toleranz. Wir brauchen Normen, Orientierung und Machbarkeiten“, meinte der Landeshauptmann. Menschen, die nach Österreich kommen, müssten integriert und zu „aktiven Teilen unserer Gesellschaft“ werden.

In einer Videobotschaft kritisierte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die zunehmende Entsolidarisierung in Europa. Wenn sich alle Länder an der Verteilung von Flüchtlingen beteiligten, „hätten wir keine Krise“. Dass stattdessen jene Länder, die sich aus der Verantwortung stehlen, der EU vorwerfen, sie hätte die Flüchtlingskrise nicht im Griff, sei „zynisch“. Schulz: „Populisten haben für alles einen Sündenbock, aber für nichts eine Lösung.“

Veranstalter der Toleranzgespräche ist der „DenkRaum Fresach“. Dessen Präsident, Europapolitiker Hannes Swoboda, ist überzeugt, dass „Europa von einer früheren Eroberungsphilosophie, die stark mit Nationalismus verbunden war, hinkommen muss zu einer Gestaltungsphilosophie“. Angst und Furcht seien immer schlechte Ratgeber, es brauche eine Politik, die im Sinne der „Ehrfurcht agiert vor einer Welt, die es zu gestalten gilt“. Obwohl es heute mehr Wissen über die Konsequenzen unserer Handlungen gebe, habe es die Politik noch nicht geschafft, dieses Wissen in Handlungen umzusetzen.

Jahrzehntelang haben reiche Länder Kosten aus dem Umweltbereich in so genannte Entwicklungsländer abgewälzt, zeigte der frühere deutsche Umweltminister und Leiter des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer auf, „einer hat den Vorteil, der andere die Kosten“. Mit den Folgen des Klimawandels würden zuerst Länder konfrontiert, die ihn nicht verursacht hätten. Die Folge seien Armut, Perspektivenlosigkeit und Migrationsbewegungen. „Wenn nichts passiert, wird etwas passieren“, ist Töpfer überzeugt.

Während der Physiker Niyazi Serdar Sariçiftçi die Zukunft in einer globalen Energiepolitik sieht, die massiv die Solarenergie forciert und so Lebensperspektiven vor Ort ermöglicht – „Gott schickt für die Sonne keine Rechnung“ –, ist Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb skeptischer: „Ich glaube nicht, dass wir in eine nachhaltige Welt gehen können ohne technologische Veränderung. Ich glaube aber auch nicht, dass technologische Fortschritte allein Zukunftsfähigkeit garantieren.“ Kromp-Kolb warnte vor Vorstellungen, dass Energie unbegrenzt und kostenlos vorhanden wäre: „Werden Menschen diese Energie für- oder gegeneinander verwenden?“ Entscheidend sei das menschliche Verhalten und auch, welche Werte in den Vordergrund gestellt würden. Die Klimaforscherin bemerkt hier eine Veränderung in den politischen Diskursen: „Die Zivilgesellschaft äußert sich und muss sich weiter äußern.“

Umwelthistorikerin Verena Winiwarter fordert von der Politik ein umfassendes Anreizsystem für einen gesellschaftlichen Wandel, darunter die Einführung einer globalen Ökosteuer, die Änderung des Förderungswesens sowie neue Wege in der Raumordnungspolitik. Dass der Klimawandel und der verantwortungslose Umgang mit Umwelt und Natur Menschenleben kostet, weiß auch Stephen Bradberry. Er ist Community Organizer in New Orleans. In Fresach erzählte er seine ganz persönlichen Erfahrungen im Umgang mit den Folgen des Hurrikans Katrina und der Öl-Katastrophe von Deep Water Horizon im Golf von Mexiko.

Verabschiedet wurde von den TeilnehmerInnen der Toleranzgespräche eine „Erklärung zum Klimawandel 2016“. Darin wird Europa aufgerufen, sich seiner Verantwortung zu stellen. Keine Gemeinschaft komme ohne Grenzen aus, Mauern und Zäune lösen aber keine Probleme. „Wer in Frieden und Wohlstand leben will, muss teilen lernen“, heißt es in der Erklärung.

ISSN 2222-2464