„Europa ohne Religion ist nicht wünschenswert“

"Europa ohne Religion ist weder denkbar noch wünschenswert", erklärt der in den USA lehrende Religionssoziologe Martin Riesebrodt zum Auftakt des Kongresses "Rethinking Europe with(out) Religion" am 20. Februar in Wien. (Foto: Lupo/pixelio.de)
"Europa ohne Religion ist weder denkbar noch wünschenswert", erklärt der in den USA lehrende Religionssoziologe Martin Riesebrodt zum Auftakt des Kongresses "Rethinking Europe with(out) Religion" am 20. Februar in Wien. (Foto: Lupo/pixelio.de)

Internationaler Kongress „Rethinking Europe with(out) Religion“ tagte in Wien

Wien (epÖ) – Mit der Rolle der Religion in und für Europa beschäftigten sich hochkarätige WissenschaftlerInnen: „Rethinking Europe with(out) Religion“ war das Thema einer Tagung in Wien. Die in der postmodernen, globalisierten Welt so epochale Erfahrung der Vielfalt, zugleich aber auch Gespaltenheit und Brüchigkeit, müsse als positive Bereicherung gesehen werden und dürfe nicht Anlass für „ängstliche Defensive“ sein. Aufgabe der Religion sei es, dazu einen zentralen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten, waren sich die ExpertInnen einig, die sich vom 20. bis zum 23. Februar zu Austausch und Beratungen im Wiener Juridicum trafen.

„Europa ohne Religion ist weder denkbar noch wünschenswert“: Mit dieser pointierten Überzeugung schloss der in Chicago lehrende deutsche Religionssoziologe Martin Riesebrodt seinen Eröffnungsvortrag zur Frage, welche Leistungen und Funktionen die Religionen für das Projekt Europa erbringen können. Europa gehöre nicht der Religion, könne also nicht von religiösen Gemeinschaften und deren Wahrheitsansprüchen beschlagnahmt werden. Umgekehrt gelte jedoch, dass die „Religionen zu Europa gehören“, weil der aktive Schutz und nicht bloß die Duldung von weltanschaulicher Freiheit und Religionsfreiheit als fundamentales Menschenrecht zum Kernbestand des europäischen Wertekanons gehöre, sagte Riesebrodt. Europa sei viel zu vielfältig, als dass es auf eine homogene Einheit eingeengt werden könne, auf die „eine bestimmte Religion ein Geburtsrecht hätte“, so der international renommierte Soziologe.

Der Philosoph Jürgen Habermas, „Überraschungsgast“ am Kongress, brachte in die anschließende Diskussion die Bedeutung von Religionen zur Stabilisierung von Konflikten ein, die sich durch die europäische Geschichte ziehe. Für Habermas können Religionen eine Motivationsquelle für die Inklusion von Minderheiten und die Entfaltung einer politischen Kultur sein. Werte wie Solidarität seien rechtlich nicht erzwingbar, fänden jedoch in Religionen eine inspirierende Kraft und semantische Potenziale.

Marcello Neri, der aus Italien stammende und derzeit auch in Graz lehrende Theologe, sieht im Christentum und in Europa ein untrennbar verbundenes Schicksal, das sich nach dem „Ende der Institutionen der Moderne“ neu erfinden wird müssen. Für die österreichische Philosophin und Publizistin Isolde Charim kann der jüdische Beitrag zum Projekt Europa in der „spezifisch jüdischen Erfahrung einer Spaltung“ gefunden werden. „Die jüdische Erfahrung ist kein theologisches Konzept, sondern ein lebensweltlicher Zugang. Sie liegt nicht, wie oft angesichts der Diaspora gesagt, in der Erfahrung des Andersseins, sondern im Bewusstsein des Eigenseins im Kontrast zu den anderen, also in der Erfahrung einer Spaltung“, konkretisierte Charim, die die Stimme des Judentums vertrat.

Integration ist das zentrale Stichwort, das der aus England stammende und in Istanbul lehrende Soziologe Tahir Abbas als Stimme des Islam aufgriff. Integration könne nicht als Einbahnstraße aufgefasst werden wie die Assimilation, in der jede kulturelle und religiöse Eigenheit von Menschen aufgehoben wird. Integration sei vielmehr eine zweiseitige Herausforderung für Einwanderer und Aufnahmegesellschaft, bei der die Vielfalt spezifischer Formen menschlicher Selbstbestimmung gewahrt, nicht bloß geduldet, sondern geschützt und honoriert werden müsste. In der Realität hätten jedoch die in den letzten Jahren stark gestiegene Islamophobie und die damit verbundene Ausgrenzung von Muslimen aus dem öffentlichen Diskurs und den gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten oder deren Diskriminierung den Effekt einer Radikalisierung einzelner Muslime gehabt.

ISSN 2222-2464