„Es gibt keine Freiheit, wenn Frauen nicht frei sind“

Regisseurin Cristina Comencini: "Die Wirtschaftskrise bringt mit sich, dass man wieder zur alten, altmodischen Einstellung gegenüber Frauen zurückgeht." Foto: GEKE/Bolla
Regisseurin Cristina Comencini: "Die Wirtschaftskrise bringt mit sich, dass man wieder zur alten, altmodischen Einstellung gegenüber Frauen zurückgeht." Foto: GEKE/Bolla

Filmemacherin Cristina Comencini kritisiert vor der GEKE das in Italien herrschende Frauenbild

Florenz (epdÖ) Die patriarchalischen Strukturen in der italienischen Gesellschaft und die Gewalt gegen Frauen hat die Filmemacherin und Autorin Cristina Comencini bei der Vollversammlung der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) angeprangert. „Es gibt keine Freiheit, wenn Frauen nicht frei sind“, sagte die „führende Figur der italienischen Kulturszene“ – so GEKE-Präsident Thomas Wipf in der Vorstellung der Gastrednerin –  am Sonntagabend, 23. September, in Florenz.

Die Wirtschaftskrise bringe mit sich, dass man wieder zur „alten, altmodischen Einstellung“ gegenüber Frauen zurückgehe, befindet Comenci. Scharf kritisierte die bekannte Schriftstellerin und Regisseurin die „unwürdige Darstellung“ der Frauen in Italien: „Frauen werden erst frei sein können, wenn diese Bilder verboten werden.“ Comencini erinnerte auch an die landesweiten Demonstrationen im Vorjahr, die sie mitinitiiert hatte. Bei den „größten Kundgebungen Italiens“ waren laut Comencini 1,5 Millionen Frauen und Männer für die Würde der Frau auf die Straße gegangen. Sie protestierten unter dem Motto „Wenn nicht jetzt – wann dann?“ und „Italien ist kein Bordell“ gegen ein frauenfeindliches Bild und gegen das Verhalten Berlusconis, das längst überholte Klischees von Frauen und Männer wieder aufleben lasse.

Viel sei am Weg zur Gleichberechtigung der Frauen schon geschehen, aber die Macht liege „noch immer in den alten Händen der Männer, sie sind an den Führungshebeln“. Frauen hätten noch immer das Gefühl, unterdrückt zu werden. Die Gewalt gegen Frauen in Italien sei „schrecklich“, berichtete Comencini. 90 Prozent der Frauen, die in Italien umgekommen sind, seien von ihren Männern umgebracht worden, die meisten Opfer hätten aus der Partnerschaft „herausgewollt, konnten aber nicht“. Dass es in einem zivilisierten Land Gewalt gegen Frauen geben, liege „in der Kultur, in der Art und Weise, wie Männer und Frauen sich ansehen, wie sie leben, wie sie lieben“. Gegen das alte Klischeedenken hofft die Filmemacherin, dass „Männer sich auch in ihrem Denken verändern können“. Es brauche ein neues Verhältnis zu Frauen, in dem diese gleichberechtigt in Freiheit als „Bereicherung“ wahrgenommen werden. „Frauen sollen nicht Männer werden, Männer und Frauen sollen gleich sein, aber nicht dasselbe.“

Gerade protestantische Kirchen hätten die Verantwortung, Frauen auf diesem Weg „aus der Wüste heraus“ zu unterstützen, meinte Comencini, die nach ihrer Mutter katholisch getauft wurde und mit 30 die Konfession ihres Vaters, des bekannten Regisseurs Luigi Comencini, annahm und in die Waldenserkirche übertrat. Der Protestantismus habe nicht nur den Frauen Freiheit gebracht, sondern der ganzen Gesellschaft. Dagegen habe „eine Kirche, die sich auf eine Geschichte begründet, wo nur die Hälfte der Schöpfung angesehen wird“ keine Zukunft. Den protestantischen Kirchen riet Comencini „die Türen zu öffnen, um jene hereinzubringen, die sich noch nicht zu Hause fühlen“. Die Kirche sei der erste Ort, wo diese Freiheit der Gesellschaft vorgelebt werden könne. Gleichzeitig sollten sie sich weiter öffnen für die Vielfalt und Bereicherung die Frauen einbringen können, schließlich sei „der Auferstandene Frauen zuerst erschienen“. In diesem Zusammenhang kritisierte die Regisseurin das „stillschweigende Vergessen“ der Jüngerinnen. Das Christentum habe versucht, die Wichtigkeit dieser Frauen zu unterdrücken.

Die Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) tagt noch bis 26. September in Florenz. Die repräsentative Versammlung des europäischen Protestantismus steht unter dem Motto „Frei für die Zukunft“. Sitz der GEKE ist Wien, Generalsekretär ist der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker.

ISSN 2222-2464