Erster Reformationsempfang in Wien

Bischof Sturm: Für eine Kirche in kritischer Solidarität zur Welt – Kritik an Asylpraxis – Gegen Diskriminierung Homosexueller

Wien, 30 Oktober 2001 (epd Ö) Für eine Kirche in kritischer Solidarität zur Welt hat sich der evangelisch-lutherische Bischof, Mag. Herwig Sturm, beim ersten Reformationsempfang der Evangelischen Kirche A. und H.B. am Dienstag, 30. Oktober, in Wien ausgesprochen. „Kirche ist nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt und für diese Welt da“, sagte Sturm bei dem festlichen Empfang anlässlich des Reformationsfestes in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Evangelischen Kirchen fühlten sich herausgefordert, nicht nur den diakonischen Dienst des Tröstens und Heilens, sondern auch den prophetischen Dienst der kritischen Solidarität zu leisten. Sturm: „Angesichts der Globalisierung, des Glaubens an die Heilkraft des Marktes und der Vergötzung des Kapitals kümmern wir uns um die Wohlstandsverlierer, treten wir für die Menschen ein, die unsere Gesellschaft am liebsten rasch entsorgen würde und bemühen uns, diese wunderbare Schöpfung zu bebauen und zu bewahren in Verantwortung vor Gott und vor den nächsten Generationen.“

Kirche sei „wesentlich diakonisch“ und helfe, Leben zu bewältigen. In diesem Sinn bemühe sich die Evangelische Kirche um erste Hilfe, Unterstützung und Integration von Zuwanderern. Vor Spitzenvertretern aus Politik und Ökumene forderte der lutherische Bischof eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema „Zuwanderung“. Es sei „kurzsichtig und traurig, dass junge Menschen, die heute als Flüchtlinge und Asylwerber in unser Land kommen, nicht zum Bleiben aufgefordert und gefördert, sondern eher behindert und nach Möglichkeit wieder abgeschoben werden“, kritisierte Sturm. Das Beispiel der Niederlande zeige, dass die Investition in die Integration der jungen und hochmotivierten Zuwanderer nicht nur dem Frieden im Lande diene, sondern im hohen Maße auch die Zukunft der Wirtschaft und des Sozialsystems fördere. Zudem entspreche es „unserem Bekenntnis zur Menschenwürde“, betonte der Bischof.

Die Kirchen versteht Sturm als „Profis in Fragen der Ethik“. Angesichts der Entwicklungen in der Biomedizin erklärte Sturm: „Die Hoffnungen sind groß, die Befürchtungen auch. Wir sind neugierige und hellhörige Begleiter dieser Entwicklung und bemühen uns, ethische Entscheidungen besonders am Beginn und am Ende des Lebens in Offenheit für die wissenschaftliche Entwicklung mitzutragen.“ Widerstand sei jedoch dort zu leisten, „wo die Gesellschaft beginnt, die Solidarität mit Menschen mit Behinderungen zu verweigern.“

In seiner Standortbestimmung der Evangelischen Kirche forderte Sturm auch die Abschaffung des Paragraphen 209 Strafgesetz. Die Evangelischen Kirchen sehen es als ihre Aufgabe, die Schuld hinsichtlich der Diskriminierung Homosexueller zu bekennen „und wenigstens jetzt diese Diskriminierung zu beenden“.

Zu der Diskussion um die EU-Erweiterung sagte der Bischof: „Wir sind für Europa als unser gemeinsames Haus“ und verwies auf die Aktivitäten der Donaukirchenkonferenzen. Am Vorabend des Reformationstages unterstrich der lutherische Bischof die tragende Rolle der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Evangelischen Kirchen: „Ohne ihren Dienst gäbe es unsere Kirche nicht.“ Über den kirchlichen Rahmen hinaus fordere die Evangelische Kirche eine sozialrechtlich relevante Anerkennung dieser „unbezahlten, aber tatsächlich unbezahlbaren“ Arbeit.

Dass sich Kirche immer verändern müsse, sei wesentlicher Teil des evangelischen Selbstverständnisses. Von dem derzeit laufenden Prozess der Organisationsentwicklung erhofft sich der Bischof eine „intensive Beteiligung, eine ehrliche Bestandsaufnahme und faire Kritik“.

ISSN 2222-2464